1. Akt: Hässliches Entlein
Mit einem Rascheln, als ob sich ein Baum mit einem Male seines Herbstlaubes entledigen würde, landeten ihre mühsam zusammengesuchten Unterlagen auf dem Boden der Cafeteria. Der Mann der sehen wollte, wogegen er gerade gestossen war, drehte noch nicht einmal seinen Oberkörper ganz, um das angerichtete Unheil anzublicken. Ein kurzes Wort, welches ein durch eine Hand geflüstertes Entschuldigung sein könnte, drang aus seinem Mund, noch während er sich wieder seinen Begleitern widmete und fortging. Auf den Knienen über den kalten Linoleumboden kriechend, sammelte sie mühsam die in alle Himmelsrichtungen davongeflogenen Zettel auf und presste sie zusammengeknüllt an ihre Brust als ob sie ihr Erstgeborenes wären. Als sie sich wieder aufrichtete, ihr mausgraues, viel zu großes Oberteil hastig zurechtrückte und die straßenköterblonden Haare wieder zum Zopf band da entwich ein wissendes Seufzen den fahlen Lippen.
Sie war es schon gewöhnt nicht beachtet zu werden: egal ob es darum ging diese Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei ihrem Lieblingsprofessor zu bekommen oder um wenigstens ein Lächeln der Anerkennung von ihrer Mutter zu erringen, welche sich lieber um ihre Schwester und ihr „nützliches“ Studium kümmerte. Verarmt unter einer Brücke würde sie enden, hatte sie zu hören bekommen, als sie ihr von dem Traum als Künstlerin beichtete, den sie schon so lange in ihrem Herzen getragen hatte. Wie ein Film konnte sie es auch jetzt wieder vor dem geistigem Auge sehen, wie die kleine und schon so faltige Mutter drohend mit dem Zeigefinger wedelte, an dem dicke Goldringe mit glitzernden Steinen klebten. Ein Beispiel solle sie sich an ihrer großen Schwester nehmen, die als Wirtschaftsstudentin sicher in einer der mächtigen Schweizer banken arbeiten, oder sich zumindest als gute Ehefrau einen erfolgreichen Banker angeln würde. Noch viele weitere Worte waren an diesem grauen Herbsttag gesprochen worden, bevor sie nur noch schweigend davongehen konnte. In ihrem Zimmer, geschmückt mit Bildern von all den Künstlern wie Monet oder Dali die sie bewunderte, saß sie dann zusammengekrümmt auf dem Bett, inmitten von alten und neuen Kuscheltieren. Irgendwann musste sie wieder hinaus, nach unten in die Küche wo ihre Erzeugerin nur auf sie wartete. Aber keine weiteren Worte der Wut wurden gesprochen, es war mehr wie eine Wand die nun zwischen ihnen stand, bestehend aus enttäuschten Erwartungen, Sehnsucht und Schweigen. Wie als ob irgendetwas langsam verrottendes in ihrem Hals steckte, so konnte sie kein Wort herausbringen. Sie lebte weiter, half in der Küche, putzte das Bad und nickte wann immer sie es für richtig hielt.
Sie konnte schon weit vor diesem Ereigniss daheim nicht sagen was durch die Windungen ihres so kleinen Kinderkopfes flog. Und jedesmal, wenn sie sich öffnete, wenn sie anderen Menschen wie ihren Schulkammeraden oer eben ihrer Mutter von den Farben und den Formen berichten wollte, mit denen sie die Welt sah, dann ging es immer schief. Hohn und Spott, Gelächter und Gekicher, Hänseleien und offene Missachtung, solche Dinge schlugen ihr entgegen und verschlossen ihren Mund jedesmal mehr mit einer schwarzen Schlacke, bis sie selbst ihr Atmen so leise wie möglich machte. So still und leise verbrachte sie ihre restliche Schulzeit, wo sie fortan wegen ihrer Interessen abseits gestanden hatte. Aus Furcht vor dem Verlust des Titels als verlässlichste Schülerin versagte sie sich auch all jene Freuden, jene Grenzüberschreitungen, die für das Erwachsenwerden aber doch so wertvoll waren. So konnte sie nur träumen von dem großem Berner Campus mit seiner berühmten Fakultät für die Künste, die selbst in ihren nächtlichen Träumen immer wiederkehrte. Dort würden alle ihr wahres Ich erkennen, sie würde strahlen und leuchten wie eine Sonne und mit ihrem Wissen und ihrer Kunst alle in den Bann ziehen. Immer mehr saß sie nur noch in dem kindlichen Zimmer voller Kunst und Bücher, blickte aus dem Fenster zu den freien Vögeln und wischte sich die Augen.
Dann endlich aber, war es soweit. Die Schulzeit hatte sie mit mehr schlechten als rechten Noten abgeschlossen, denn wer nur träumt, der tut nichts, aber dies war ihr egal. Mit Sack und pack und tatsächlich mit einer kurzen Umarmung als Abschied von der Mutterbrust, ging sie hinaus aus ihrem bergigem Dorf in die große Stadt mit all den Lichtern. Staunend und sich frei fühlend schlich sie durch die Häuserschluchten der Innenstadt, besuchte die Museen und Kunstsammlungen der Stadt und schwelgte in der Schönheit und der Kraft der Gefühle, welche aus den Werken der früheren Künstler hervorging. Eine Wohngemeinschaft hatte sie schon organisiert, bevor sie in Bern eintraf: ein junges Mädchen aus München und sie hatten sich in einer WG-Börse kennengelernt und Beide waren sich sofort einig, dass sie die Wohnung sowieso nur zum Lernen nutzen würden und sehr still seien. Das Aufeinandertreffen mit Rosa, diesen Namen gab sie ihr wegen ihres Gemütes, ihrer Kleider und der Farbe der Hemden ihrer Freude, war aber ernüchternd. Sie selber richtete ihr Zimmer sorgsam ein wie ihr Zimmer daheim und hatte sich auch viel von dort mitgebracht, deswegen stapelten sich dort fleckige Kuscheltiere neben alten Postern die an der leicht gräulichen Tapete hingen. Dem entgegengesetzt stand Rosas Zimmer fast leer in den ersten Tagen. Denn auch seine Bewohnerin war nicht da, sie wolle die Stadt kenenlernen und zog umher von Kneipe zu Club, von Disco zu Bar. Manchmal kamm sie nicht einmal nach Hause oder, noch schlimmer, nicht allein. Wenn sich die Beiden dann in der kleinen und noch kahlen, später aber gräulich-rosanen Küche trafen, dann war Rosa an solchen Morgen stehts gut gelnaut. Zumindest bis sie das mürrische und verurteilende Gesicht sah, welches ihr entgegengebracht wurde. Dann sprachen sie etwas, Vorwürfe gingen von der einen Seite aus, entgegnet von einem entwaffnendem Lächeln. Sie solle sich nicht so anstellen und überhaupt, warum kam sie nicht doch einmal mit, da würden auch viele nette Jungs herumlaufen und überhaupt solle sie sich nicht so anstellen und es wäre doch gar nicht schlimm, sie solle sich bloß nicht so anstellen. Und tatsächlich kam sie manchmal mit, wenngleich auch selten und, wie aus Trotz, stehts in ihren langweiligsten und grauesten Kleidern. Dann konnte sie dort sitzen, zusehen wie Rosa mit Männern und Frauen lachte und tanze, während sie selbst an ihrem KiBa-Glas nippte, damit es auch ja für den ganzen Abend reichte. Wenn sie auf all diese Abende zurückblickte, dann schlich sich immer öfter der Gedanke ein, dass sie vielleicht doch Rosa insgeheim bewunderte, nur um diese Gefühle niederzukämpfen mit dem rechtschaffendem Zorn über die moralische Verdorbenheit ihrer Mitbewohnerin, die sich trotz allem nie mißachtete und mittlerweile in quietsch-rosafarbenes Zimmer mit Glitzer und weißer Tapete besaß, in welchem dennoch fast kaum Möbel standen.
Und dann kamm der erste Besuch der Alma Mater, der Universität, dem Arkadia ihrer Wünsche. Wie war sie da aus allen Wolken gefallen, als sie dort die ersten Tage im Traumland verbrachte. Genauso wie Tiere schaarten sich schnell alle in kleinen Grüppchen zusammen, nach Innen hin mit einem Lachen und Kichern, nach Aussen hin mit freundlichen Sprüchen die verletzender waren als die giftigen Nadeln aus iherer Schulzeit. Da waren sie die Menschen mit gleichen Interessen, mit dem Wunsch die Welt mit iherer Kunst zu erhellen, die auf Niemanden herabsahen nur weil sein Kopf in den Wolken hing. Aber dennoch war sie schnell wieder einsam, versagte sich wieder jedes Laster und jede Ausschweifung, arbeitete und lernte lieber so gut sie konnte. Selbst mit Rosa trieb sie sich nun nicht mehr herum, wobei sie sich selber oft sagte, dass Rosa ohne sie sowieso mehr Spass haben würde. In den ersten Wochen war dies für sie allerdings fast schon nebensächlich, denn daran war sie gewöhnt und der Mensch fügt sich schnell in alte Muster ein, auch wenn er tief im Inneren, in der Schwärze des Herzens weint und flucht. Den ersten, richtigen Schlag, der härter war als die Kälte ihrer Mutter, der Spott der Mitschüler oder die Ausgrenzung durch ihre Kommolitonen, den bekamm sie nach sechs Wochen in der Universität.
Ihr Dozent, welchen sie so ob seiner lustigen Sprüche und seines beißenden Spottes über Nicht-Künstler so verehrte und der sie ein wenig an ihren Vater erinnerte mit seinem Schmeerbauch und seiner stehts hochroten Halbglatze, jener war es der sie fast tötete. Ohne jede Kraft wären ihre Zeichnungen, es fehle der Funke der den Betrachter in den Bann ziehe, sie wären alle technisch einwandfrei und stünden perfekt in der Tradition der künstlerischen Elite queer durch die Jahrhunderte, aber das reichte nunmal nicht. Ob sie denn schon einmal geliebt habe wurde sie doch dreisterweise von ihm gefragt, ob sie einen Traum hätte und ob sie nicht lieber Bauzeichnerin werden wollte, hatte er sie gefragt. Geballt hatte sie ihre kleinen Hände zu ebenso kleinen Fäusten, aber sie hatte nichts hervorbringen können zu ihrer Verteidigung. Natürlich hatte sie schon Beziehungen gehabt, nur derzeit wollte es nicht klappen und die längste war auch nicht länger als ein paar Wochen gewesen. Was hatte das überhaupt mit ihren Bildern zu tun, so fragte sie sich. Es waren überhaupt viele Fragen und noch mehr Wut in ihr in diesem Moment, aber sie schwieg, nickte und der Professor ging weiter zum Nächsten, keinen Blick mehr auf sie werfend. So wie auch in den nächsten Semestern, wo sie immer weniger tat, nur noch das Pflichtprogramm ableistete und nun auch ihre Hände vollgeklebt waren mit der Schwarzen Schlacke. Wenn dann wieder ermahnende Worte zu ihr drangen, dann konnten sie schon keinen Stolz mehr finden, keine Träume die sie hätten zurückwerfen können. Nur noch selten ging sie seitdem in die vielen Austellungen, beschäftigte sich lieber weiter mit der Technik und der Geschichte und spielte immer öfter mit dem Gedankenspiel doch einfach auf Kunstgeschichte umzuschulen oder doch auf Lehramt zu studieren, dann würde auch ihre Mutter stolz auf sie sein, wenn sie etwas echtes und geldbringendes tun würde. Eine Beamtin in der Familie würde sich bestimmt gut machen, da könnte man auch gut auf den Dorfversammlungen angeben um seinem Wort mehr Gewicht zu verschaffen.
Zwei Jahre war sie nun hier in Bern, aber immer noch hörte sie die selben Worte, noch war das allwöchentliche Treffen mit ihrer Lerngruppe in der Mensa un die halbjährlichen Ausflüge mit Rosa das Höchste in ihrem sozialem Alltag. Nun würde sie aber selbst zum Lernen zu spät kommen und Gedanken von Angst und Verlust rissen ihren Leib fast auseinander, denn natürlich würden die Anderen sie weniger mögen, weil sie zu spät und mit zerknüllten Blättern kamm. Anderseits wussten von den neun Personen dort wahrscheinlich noch nichtmal alle ihren Namen. Wenn sie dort also nicht hingehen würde, dann würde es wohl sicher keiner bemerken. In der Bibliothek war es sowieso viel ruhiger und dort waren es nur die Blicke, welche niemals ihr galten, welche an der dünnen Decke ihrre geistigen Gesundheit nagten. Deswegen umschlag sie das Knäul aus Skizzen und dahingewischten Gedanken noch fester und trabte in ihren alten und gammeligen, aber so leisen und unauffälligen Turnschuhen in Richtung des alten Bauwerkes, wo der Duft der Jahrhunderte alten Bücher immer noch jedes mal ein kleines bischen ihren Geist berauschen konnte. Ein Blick auf die alte Swatchuhr mit dem eingerissenem Armband und sie wusste um die vielen Stunden die ihr jetzt noch blieben, bevor sie wieder zu Hause sein musste. Nur zu spät durfte sie nicht losgehen, es war zwar sowieso Winter und die Nächte lang und dunkel, aber man hörte immer wieder Geschichten von den Banden aus dem Ostviertel, die arme Akademikerinnen verschleppten und vergewaltigten.
2. Akt: Der Mann in Rot

