2. Akt: Der Mann in Rot
Innerlich leise fluchend, wenn man bei Wörtern wie Pinguinhäufchen von Fluchen sprechen durfte, hob sie zum wiederholten Male die ausgebreiteten Unterlagen auf dem altem Eichentisch hoch, der irgendwo in en Tiefen der Bibliothek stand. Wo war nur diese Uhr geblieben und wie spät war es wohl gerade? Dunkel war es schon vor Stunden geworden und sie konnte sich nicht entsinnen wie viel Zeit insgesammt vergangen sein mochte, was sicher auch an dem kleinem Nickerchen gelegen hatte. Sie rieb sich etwas die Wange um die rötlichen Druckstellen von Klinks „Welt der Kunst“ weg zu massieren. Währenddessen ließ sie ihren noch müden Blick umher schweifen und besah die verschiedendsten Buchrücken, viele davon schon weit über Hundert Jahre alt. Dabei bemerkte sie auch, dass sie derzeit völlig allein war, denn die übrigen Arbeitsplätze waren leer, die kleinen Tischlampen ausgeschaltet, wodurch dieser Bereich in ein schummeriges Halbdunkel gehüllt war. Nur aus der Fehrne konnte sie, nachdem sie stumm gelauscht hatte, Seitenrascheln und das schnelle Umherfliegen einer Schreibfeder hören. Als sie nach einigen weiteren Minuten ihre Handgelenkuhr nicht finden konnte, beschloß sie dem unsichtbaren Schreiber einen Besuch abzustatten um nach der Uhrzeit zu fragen, in dieser Stille und Einsamkeit würde selbst sie sicher bemerkt werden.
Auf ihrem Weg durch das Labyrinth aus meterhohen Bücherregalen voller alter Schinken mit ledernen Einbänden und Titeln welche sie wegen der alten Schrift nicht lesen konnte, verging sehr viel mehr Zeit als zuerst gedacht. Erst irgendwann beleuchtete ein warmes Licht den Ort von woher auch das Kratzen der Metallfeder auf Papier zu hören war, welche schnell und hart die Tinte verteilte. Hinter der nächsten Ecke strahlte dann der einfache Kerzenhalter aus Silber direkt zu ihr herüber und sie konnte einen Blick auf diesen merkwürdigen Anblick werfen. Der Mann dort saß direkt mit dem Rücken zur Wand, links und rechts standen die Bücherregale wie Mauern einer Festung um ihn herum. Ein kleiner Stapel aus wirklich alten Büchern hob sich auf der linken Seite des Tisches hervor, ein winziges, schwärzliches Tintenfässchen stand auf der anderen Seite, dazwischen ein aufgeschlagenes Buch und darunter ein Stück gelbliches Papier, welches mit schneller hand beschrieben wurde. Der Kopf des Mannes regte sich kein bischen, als sie selber sichtbar wurde, was aber auch an ihrer leisen Gangart liegen mochte, so dass sie sich etwas Zeit nahm um ihm nach dem ersten noch einen zweiten Blick zu schenken. Er war wohl einer dieser Professoren die mit voller Hingabe an ihren neuesten Werken und Schriften arbeiteten. Ein wohl maßgeschneiderter Anzug in einem dunklem Rot wirkte an ihm wie eine Uniform die ihn als Weisen auszeichnete und von der grauen Masse, zu der auch sie gehörte, emporhob. Die schwärzlichen Haare waren von feinen Fäden durchzogen, die im Kerzenschein wie Silberadern im Felsgestein wirkten. Das Gesicht konnte sie nur undeutlich erkenenn, aber für sein Alter hatte er eine ebenmässige Haut, schmale Lippen und eine markante Nase mit einem Höcker auf oberer Höhe.
Sie wandte sich dann wieder zum Gehen herum, schließlich sollte sie eine solche Respektsperson nicht stören und lieber weiter nach ihrer Uhr suchen. Dann aber hörte sie wie die Schreibfeder aufhörte zu kratzen und eine herrische und scheinbar nicht wohlgelaunte Stimme sich zu ihr richtete.
„Komm her, Kind“.
Obwohl sie kurz durchatmen musste und sich innerlich auch ein wenig mehr dagegen sträubte, sah sie herüber, drehte ihren Leib und trat langsam an den Tisch heran, bis kurz vor den Mann in Rot, welcher sie weiter keines Blickes würdigte und stattdessen lieber in seinen Aufzeichnungen las. Sie stand vor diesem Pult wie eine Schülerin, die ins Rektorzimmer bestellt worden war, nicht wusste was sie angestellt hatte und nun mit wackeligen Knien auf ihre Maßregelung wartete. Und endlich, nach längerem Herumstehen mit einem gebanntem Blick auf die sorgsam gekämmten Haare des Professors, hob er den Kopf um sie mit seinen stahlgrauen Augen anzublicken. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, so unangenehm war dieser Blick einerseits, der sie einerseits musterte wie ein Objekt aus einer Kunstgalerie, anderseits mit seiner Intensität wie eine Bestrafung für ungebührliches Benehmen wirkte. In dieser Zeit konnte sie auch die eigenen Augen nicht von den Seinen nehmen, wie ein Hase der vor einer Schlange hockt und den tödlichen Biss erwartet, sich bereits in sein Schicksal eingefügt hatte, so stand sie dort.
„Sag mir, was hälst du davon?“ fragte er dann, während er sie einen Blick auf das Buch werfen ließ, das er gerade studierte. In ihm waren Skizzen und Zeichnungen von Leonardo da Vinci enthalten, die aufgeschlagene Seite zeigte die Körperstudien des alten Großmeisters, mit diesem durchdringendem Blick welcher ihr immer schon etwas Angst gemacht hatte. Zögerlich suchte sie nach Worten, dabei immer wieder von den gezeichneten zu den strengen und realen Augen hin- und herblickend.
„Die ähm Linien sind gut, eine gute Skizze… oder?“ stammelte sie hervor, sich selbst am Ende auf die Zunge beißend, weil sie ihren wohlformulierten Satz nicht hervorbrachte und stattdessen diesen Allgemeinplatz von sich gab. Eigentlich hatte sie viele Gedanken zu diesen Zeichnungen, erschrak zwar auch imme wieder vor iherer Kraft, welche sie selbst so nie einfangen konnte. Aber Überlegungen hatte sie viele dazu angestellt, hatte Bücher gewälzt und war ind er dazu angebotenden Vorlesung immer kritisch und aufmerksam gewesen, zumidnest in ihrem Kopf. Aber genausowenig wie vor ihrem Professor konnte sie auch jetzt nicht sagen was sie dachte, schließlich musste sie noch so viel lernen und wie konnte sie sich erdreisten eine Meinung zu bilden, wenn sie noch nicht alles wusste? So würde sie aber überrascht, als seine Reaktion nicht etwa missgünstig war, sondern er sogar etwas schmunzelte. Woraufhin sie allen Mut zusammen nahm und leise die Frage nach der Uhrzeit stellte, die selbst in diesen stillen Hallen beinahe verging bevor sie das eigene Ohr erreichte.
Dennoch antwortet er nach einiger Zeit, in welcher er sie immer mehr musterte. „Dein Herz gab eine andere Antwort, aber nun gut.“ Sprach er leise lachend, auf eine Art und Weise welche sie an die bellenden Hyänen erinnerte, die sich über ein Stück Aas freuten. Sie schon mit seiner Hand leicht wegwedelnd und mit der anderen neuen Tinte für die silberne Schreibfeder suchend, fügte er noch hinzu: „In deiner Tasche. Und nun geh.“
Etwas perplex und wie auf Kommando gehorchte sie den Worten, drehte sich schnell um und gewann Abstand zu dem spöttischem Blick des Mannes. Wenngleich sie sich einerseits schämte, freute sich sie auch etwas über die an sie gerichteten Worte und seine Frage nach ihrer Meinung. Immerhin musste sie ja irgendwie nach Kunststudentin aussehen und ein klitzekleines bischen Wissen ausstrahlen, wenn er sie nach soetwas fragte. Sie dachte an sein Gesicht und an das Glänzen in den kühlen Augen, als sie sich regelrecht gewunden hatte als die die Anwtort gab. Sie setzte sich wieder an ihren Tisch und erinnerte sich nur wenig an den Weg zurück, erst dann bemerkend wie ihr Herz laut schlug vor Aufregung. Wenngleich es nicht nur ihr Herz war, welches im Takt schlug, sondern auch etwas anderes, aus ihrer Hosentasche. Sie suchte und fand die schlichte, metallgraue Uhr, die sie wie immer zum Arbeiten abgenommen hatte und lauschte dem leisen aber wahrnehmbaren Geräusch, welches von dem Sekundenzeiger auszugehen schien, aber eigentlich aus dem inneren der Uhr stammte.
Er hatte ihr also doch geholfen, vielleicht war er gar nicht so schlimm wie sie gedacht hatte, oder war das nur aus kümmerlichen Mitleid geschehen? Sicher hatte er sich gefreut wie sie bei seiner Frage so versagte und ergötzte sich noch jetzt an das Bild welches mit mit verkrampften Händen und unsicher umherhüpfendem Blick abgegeben haben musste. Besser sie vergass das Ganze schnell, es würde sie nur wieder deprimieren wieder versagt zu haben. Dennoch krochen ihre Gedanken auf dem Nachhauseweg immer wieder zu diesem kurzen Wortwechsel und sie fragte sich immer wieder nach seinen Motiven und wie er sie gesehen haben musste.
3. Akt: Dammbruch

