Saat der Hoffnung
Während Sarion, Jallik und Reo halfen die mit dem Pilgerzug angelieferten Hilfsgüter (insbesondere das Saatgut) in den benachbarten Dörfern zu verteilten, wurde Brenda und Yendor eine besonders dringliche Aufgabe zugeteilt.
Abschlussbericht des mit uns reisenden Entdeckers im Auftrag des Pfleger des Landes:
Ich wurde mit Brenda und Yendor von Wutzenwald ausgesandt, um seltsame Ereignisse in Holthus, einem kleinen Ort ganz in der Nähe, zu untersuchen. Unsere Begleiter, Jorgen Beringer und sein stummer Sohn Brindan hatten den Pfelger des Landes aufgesucht und ihm von einem Schwarzen Wald in unmittelbarer Umgebung des kleinen Weilers erzählt, der scheinbar Ursache etlicher Übel zu sein scheint. Obwohl Untote, Monstrositäten, Seuchen und Banden marodierender Söldlinge die Wildermark heimsuchen, wurde Holthus davon weitestgehend verschont. Dieser Schwarze Wald jedoch scheint sich schon seit einiger Zeit langsam immer weiter auszubreiten, so dass mittlerweile die Felder der Bauern verdarben und sogar einiges Vieh ist angeblich schon auf seltsame Art in seiner Nähe verschwunden.
Wir kamen am frühen Nachmittag in Holthus an. Hier leben drei Familien - Beringer, Hainsate und Prutz - und von den drei Höfen wurde der Prutzenhof bei der Verteidigung gegen Plünderer von diesen niedergebrannt. In der Mitte des Ortes steht ein kleiner Peraine-Schrein, der das Dorfzentrum bildet. Die kleine Statue der Göttin ist aber in der Kälte des Jahundertwinters 1028 BF zersprungen und noch nicht wieder aufgebaut worden.
Kaum hatte man uns entdeckt, sammelten sich die Dorfbewohner um uns und wir wurden gleich durch Jorgens Bruder Grorthin, Freibauer und einflussreichster Mann des Weilers, begrüßt. Nach einer kurzen Erfrischung wollten wir aber sogleich den Schwarzen Wald untersuchen. Die Bäume dort waren verkrüppelt, aber noch am Leben. Ein modriger Geruch lag in der Luft und es waren keine Tiere zu sehen. Yendor erkannte, dass der Ort von einer Art von Magie beeinflusst wurde, die aus dem Boden herrührte. Um die Ursache genauer feststellen zu können, hoben wir ein recht großes Loch aus. Wir trafen dabei auf schwarze Wurzeln, die sich scheinbar vor dem Sonnenlicht weiter in das Erdreich zurückzogen. Wir diskutierten unsere Möglichkeiten, als wir plötzlich von einem Elfen überrascht wurden, der uns etwas zurückhaltend aber freundlich grüßte. Er stellte sich als Alrikyón Blütentänzer.
Es stellte sich heraus, dass Jorgen auch die benachbarte Auelfen-Sippe der Blütentänzer um Hilfe gebeten hatte. Nach einer längeren Beratung seiner Sippe vor einigen Tagen wurde Alrikyón mit nurdhaigya, einer verzauberten Eichel, die mit dem Boden, wo sie begraben wird, eine Verbindung zu einer alten Eiche im Elfenwald herstellt, ausgeschickt. Die Sippe der Tierrufer hatte den Blütentänzern jedoch noch vor seiner Abreise ihre Bedenken gegen daen Einsatz des nurdhaigya ausgesprochen, dann aber doch zugesichert zunächst eine Unterstützung der Menschen zu tolerieren.
Doch während wir noch im Schwarzen Wald standen und uns mit dem Elfen unterhielten, wurden wir von allerlei verschiedenen wilden Tieren angegriffen. Füchse, Wölfe, ein Wildschwein und andere kleinere Tiere schienen es vor allem auf den Alrikyón abgesehen zu haben, wovor wir ihn zu schützen suchten. Brenda wehrte den Großteil des Angriffs ab. Doch der Elf wurde von einem Blaufalken angefallen, der ihn recht schwer verwundete.
Aber überall, wo das Blut den Boden berührte, insbesondere wo erschlagene Tiere lagen, schien die Erde die Lebenskraft aufzusaugen. Wir zogen uns daher lieber rasch zum Gehöft zurück, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Dort untersuchten wir Alrikyóns Wunde. Währenddessen berichtete er uns, dass er vor dem Angriff eine seltsame Melodie vernommen hätte und vermutet, dass die Tiere von der Tierrufer-Sippe beherrscht wurden.
Nach Sonnenuntergang begann dann, vermutlich gestärkt durch das viele Blut, auch noch ein Angriff des widir arc, wie Alrikyón den Schwarzen Wald nannte, auf den Weiler. Wir beobachteten, wie eine Kuh von Wurzeln ins Erdreich gerissen wurde. Wir trieben daher mit den panischen Dorfbewohnern die anderen Tiere in die Ställe, um weiteren Schaden von ihnen abzuhalten. Danach zogen sich alle Menschen in den Hof der Beringers zurück. Doch eines der Kinder war anscheinend im Nachbarhaus zurückgeblieben. Mit dem aufgebrachten Vater holten wir rasch seine Tochter, die wegen ihrer Puppe zurückgelaufen war. Aber auf dem Rückweg wurde er von einer Wurzel in die Tiefe gezogen. Wir konnten ihn zwar noch an den Armen herausziehen, jedoch war sein Unterkörper bereits ausgesaugt worden, so dass er bereits nach wenigen Augenblicken zu Boron gegangen war. Durch diesen Schrecken verschlimmerte sich die Stimmung im Haus, die eh schon bis zum Zerreißen angespannt war, noch weiter, was die Nacht für viele zu einem schlaflosen Alptraum werden ließ. Zum Glück endete der Spuk jedoch mit den ersten Sonnenstrahlen.
Gleich bei Anbeginn des Tages begleiteten wir somit Alrikyón zum widir arc, um das nurdhaigya einzupflanzen. Auf dem Weg dorthin stellte sich uns der Urheber des Tierangriffs gegenüber: Hanyáriel, ein Elf der Wildrufer-Sippe, der auf eigene Faust die Pflanzung des nurdhaigyas verhindern wollte, aber nun zu erschöpft war, um sich uns noch einmal ernsthaft entgegenzustellen - obwohl er dazu durchaus entschlossen schien. Doch im Angesicht des Grauens der letzten Nacht konnten wir ihn überzeugen, dass unbedingt etwas zum Schutz der Menschen und Tiere unternommen werden muss.
Als die Eichel die Erde berührte, erzitterte der Boden und der der widir arc fing an sich mit allen Mitteln gegen das Ritual zu wehren. Währed Alrikyón das dazu nötige Lied auf seiner iama spielte, schützten Hanyáriel und wir anderen ihn gegen die immer stärker werdenden Wurzelangriffe. Dabei konnte Yendor uns erstmals mit dem Zauberschild schützen, dessen Thesis er von Abt Groterian erhalten hatte. Kurz vor dem Ende unserer Kräfte, gelang es so die Macht der Eiche wie über eine Nabelschnur in das verdorbene Erdreich zu übertragen. Aber es kostete den alten Baum doch mehr Kraft als erwartet, den widir arc zu besiegen. Alrikyón spürte, dass sich die Eiche bei diesem Kampf opfern musste und nun vergangen ist.
Kurz darauf trafen noch zwei weitere Elfen der Tierrufer-Sippe ein, die Hanyáriel gefolgt waren: ihr Sippen-Ältester Undurael Drachenzwinger und die thara Garindel Klingenklang. Hanyáriel ging nach dem Kampf schwer verwundet vor ihren Augen ins Licht und Undurael klärte Alrikyón auf, dass er gegen den Willen seiner Sippe, also badoc gehandelt habe, und dass es gut war, dass er seinen Fehler eingesehen hat.
Aber auch die Pflanzung des nurdhaigya sei eine Störung der natürlichen Harmonie gewesen, da die alte Eiche dabei unerwartet vergangen ist. Alrikyón solle also aufpassen, dass das badoc nicht in ihm und seiner Sippe zu stark wird, falls sie weiterhin den Menschen helfen sollten.
Kurz darauf verabschiedete sich Alrikyón von uns auf ein hoffentliches Wiedersehen und kehrte mit den anderen Elfen in den Wald zurück. Wir dagegen erholten uns noch einige Tage von den Strapazen der letzten Nacht und sorgten dafür, dass die Ordnung in Holthus wiederhergestellt wurde. Brenda segnete das Grab für den getöteten Vater ein und wir ließen die letzten Reste der verderbten Erde aus dem Weiler entfernen. Mit dem Dank der Dorfbewohner machten wir uns schließlich auf den Rückweg.


