Im Auftrag des Prinzen
Jede Stadt braucht einen Jäger, der Jagd auf die Nächtlichen macht. Dass diese Aussage noch immer wahr ist, zeigt sich daran, dass der Prinz der Camarilla, Madam du Chasee, schon bei unserem ersten Treffen um meine Klingen gebeten hat.
Im Osten der Stadt, im Gebiet des Sabbats jenseits des Flusses, sollen zwei Dutzend Dünnblütler – Vampire hoher Generation, in denen das Blute Kains nur noch schwach pulsiert, ihr Unleben treiben. Diese Gruppe ist dem Prinzen seit längerem ein Dorn im Auge und zwei Einheiten Blut der 7. Generation wert. Außerdem steht mir das Blut der Opfer zu. Dein ist, was du tötest.
Heute ist es soweit – ich werde testen, wie viel meiner Kunst noch in meinem Körper steckt, und was über die Jahrhunderte eingerostet ist. Oh wie freue ich mich auf das Festmahl. Der Weg zum Elysium in der Kunstgalerie, deren weißen Gänge so widerwärtig hell beleuchtet sind, ist ereignislos wie immer – die mit getrocknetem Blut bedeckten Klingen in den Falten meiner Kleidung rufen alte Erinnerungen vor.
Ich höre die anderen anwesenden Kainskinder leise flüstern, während ich durch den Raum gehe, ihren Blick abwendend. Nichts hat sich verändert. Nach wie vor ist jeder froh, wenn Angehörige meines Clans sie nicht anschauen, bestenfalls nicht einmal ihre Namen kennen. Arthur Stein, der Sheriff dieser Domäne, sagt als einziger etwas. Er geleitet mich zu einem Auto, in dem zwei weitere Personen sitzen. Ich setze mich, nicke den beiden Mitfahrern zu, er fährt los.
Bis zu der kleinen Brücke, die die Stadt in zwei Teile trennt, fährt Stein gesittet. Kaum ist er über die Brücke, beschleunigt er stark, rast durch die Straßen, während das Gewehrfeuer des Sabbats den Asphalt und die Wagentüren zerreißt. In irgendeinem dunklen Gebäude, das ebenfalls mit Straßen ausgelegt ist, lässt er mich und einen der beiden Mitfahrer aussteigen und fährt direkt wieder davon.
Mein Begleiter, in einem dunkelblauen, engen Vollkörperanzug gekleidet, gibt mir ein Zeichen ihm zu folgen. Auf dem Kopf trägt er eine seltsame Vorrichtung, die an eine Brille erinnert, mit sehr langen Linsen. Es ist dunkel hier. Doch reichen meine Sinne aus, um mich perfekt zu orientieren.
Er hat Potential. Seine Bewegungen sind elegant und sicher, nicht perfekt, aber gut. Später stellt er sich als Nachtwandler vor. In der zweiten Etage eines leeren Gebäudes zeigt er auf ein Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite, vor dem einige Zweiräder und zwei große Automobile stehen. Ich sehe drei Gestalten vor dem weiträumig überdachten Eingang, einer von ihnen hat einen dieser glimmenden Tabakrollen im Mund. Mit einem Nicken verschwindet Nachtwandler in die Schatten.
Der Tanz kann beginnen und sich die Stille des Todes über den Ort legen.
Ein kurzer Überblick über das Gelände zeigt mir, dass hinter dem Gebäude eine kleine Tür ist. Die vordere Tür ist offen. Alle Fenster sind vernagelt und abgeklebt. Auf dem Dach ist eine weitere Öffnung, die mit einem durchscheinenden, etwas ungeschickt abgeklebten, Material versperrt ist. Es sieht aus wie Glas, fasst sich aber anders an, es wirkt weniger stabil. Darunter ist ein leerer Flur, zwei Türen, niemand zu sehen. Ein guter Einstiegspunkt.
Das durchscheinende Material lässt sich schneiden und biegen, ohne sofort zu splittern. Rechts ist eine Tür, aus der ich vier unterschiedliche Stimmen gehört habe. Ein schneller Überblick über den Raum und noch während sich mein Wurfmesser durch die Luft schneidet, trifft mein Dolch das erste Ziel auf der Couch tödlich in den Hals. Kurze Zeit später, kein Geräusch hat den Raum verlassen, liegen vier Gestalten regungslos auf dem Boden. Einer von den Opfern ist sogar ein echter Kainit gewesen. Wie lange ist es her, dass so leckerer Saft meine Kehle befeuchtet hat. Ich liebe dieses Gefühl, wie die Körper austrocknen, leichter werden und schließlich zerfallen. Das dünne Blut eines Menschen kann niemals dieses Gefühl auslösen, zu wenige Geschichten kann es erzählen.
Denselben Weg, den ich hereingekommen bin, wähle ich wieder hinaus. Es wird Zeit die Personen vor dem Gebäude ihren Rang in der Nahrungskette zu zeigen. Wenn ich sie schon höre, wie sie darüber prahlen wie sie am Abend zuvor Frauen vergewaltigt haben.
Alle drei sind endgültig vernichtet, bevor der Zigarettenstummel des ersten Opfers den Boden berührt. Wie habe ich das Gefühl vermisst, hinter dem eigenen geworfenem Messer her zu sprinten und zu demselben Zeitpunkt, an dem es die Stirn des Zieles durchdringt, einen blutvergifteten Dolch in die Niere des zweiten Zieles zu stechen und mit einer Drehung und zwei über dem Kopf erhobenen Dolchen auf einem dritten Ziel zu landen und die gierigen Klingen links und rechts vom Hals im fahlen Fleisch zu versenken.
Um die Ecke steht ein weiterer erschrockener Dünnblüter, der ein ähnliches Schicksal teilt wie seine Vorgänger. Das macht acht Ziele. Wenn meine Informationen stimmen, bleiben vier weitere.
Gerade als ich zum Trinken des letzten Opfers ansetze, kommt eine Gestalt aus dem Seitengang und guckt entsetzt in meine Richtung. Ich sehe wie er eine dieser doppelläufigen Gewehre auf mich richtet und noch während ich um die Ecke springe abdrückt. Ich spüre dumpfe Schläge in meiner Schulter, die aber keine Wirkung hinterlassen.
Das Blut, das ich in der Wunde kanalisiere, drückt die Metalhülsen aus meiner Schulter, noch während ich dem Angreifer nachstelle. Meine Dolche in seinem Rücken versenkend, stelle ich in dem Raum, in den er flüchten wollte drei verbleibende Opfer fest. Keines stellt eine echte Bedrohung dar und ist bald nicht nur kalt, sondern auch regungslos.
Zwölf. Aber irgendetwas stimmt nicht. Ich habe ein böses Gefühl, es ist noch nicht vorbei, ein leises Knarren hat mich gewarnt. Also warte ich - 20 Minuten lang - und spiele mit den Nerven; wer auch immer wohl in dem hinteren Raum noch verharrt.
Seine Nerven reißen, aber anstatt vor zu preschen, wie ich gehofft hatte, tritt der jemand, den Geräuschen nach zu urteilen ist es nur eine Person, den Rückzug durch die hintere Tür an. Da ich nicht weiß, was in dem Raum auf mich wartet, laufe ich außen um das Gebäude herum. Das verbraucht zwar viel von meinem Blutsvorrat, aber hier liegt ja genug Nachschub herum.
Dieses Mal scheint mein Ziel über die Kraft der Verdunklung zu verfügen. Die Bewegungen des Kanalisationsdeckels verraten ihn jedoch und bereiten seiner Existenz ein jähes Ende… ich verharre und sehe mich ein letztes Mal um. Da fällt mir ein regelmäßiges rotes Leuchten an der hinteren Tür auf und meine Gefahreninstinkte schlagen an. Ein Hechtsprung durch ein geschlossenes Fenster, das halb durch meinen Körper, halb durch die Druckwelle, die mich begleitet, zersprengt wird, rettet mich vor der riesigen Explosion, die den hinteren Teil des Gebäudes auseinanderreißt und die Luft in Feuer haucht. Gleichzeitig ist es das erste Geräusch, was während meines Einsatzes erklingt. Dreck. Über derartige Sachen muss ich unbedingt noch lernen, sonst bin ich schneller Gejagter als mir lieb ist.
Der Weg hinaus aus dem Gebiet ist dank meiner Verdunklung unspektakulär.

