Erstes Tagebuch: Bis zum Kuss

Im Jahre des Herren 1230 am 12 November julianischer Zeitenrechnung beginne ich mein neues Tagebuch, nachdem mein altes den lodernden Flammen zum Opfer gefallen ist.
Besagtes Ereigniss trug sich vor vier Nächten zu, als ich spät Abends schon zu Bette gegangen war, um zu nächtigen. Wieder einmal durfte ich den ganzen Tag damit verbringen Falk von Tieza die Grundzüge der Gelehrsamkeit beizubringen. Wobei ich anmerken darf, dass ich in den drei Wochen unserer Zusammenarbeit sicherlich mehr für den jungen Knaben getan habe, als seine unfähigen Lehrer zuvor. Viel zu verlottert erscheint er mir, zu selbstsüchtig und auch kaum mehr begabt als jeder beliebige Bauerntölpel. Aber als Mann, welcher den Sieben und Freien Künsten verpflichtet ist und auch der Ehre der Gelehrsamkeit, welche zurückreicht bis hin zu Plato und Galen, werde ich meinem Freund Heinrich den Gefallen tun und ihn zumindest bis zum Anbruch des Frühlings unterrichten.
Nun denn, wo war ich. Zumindest erwachte ich aufgrund lodernder Flammen welche den Großteil des Hauses bereits erfasst haben. Geistesgegenwärtig konnte ich viele der Bücher Heinrichs, sowie eine Dienstmagd und Falk vor den Flammen retten. Beim Löschen des Hauses konnte ich, Gott vergebe mir, leider wenig helfen, aber zumindest habe ich mit meinen wenigen Kräutermixturen den Helfern etwas Linderung verschafft.
Der Brandstifter war wohl ein vom Dämon gerittener, leicht zu sehen an seinen unmenschlichen Fussohlen. Armer Teufel, möge Gott seiner Seele gnädig sein. Wir verbrannten ihn und vermischen seine Asche mit geweihter Erde.
Ich reiste am übernächsten Tag nach Milan ab, wo ich auch diese Zeilen schreibe. Habe einige Handwerker und dergleichen auftreiben können, aber nichts weiter über die Brandstiftung herausgefunden.
16. November
Nach meiner Rückkehr nach Tieza konnte ich Heinrich nur wenig aufmuntern, wegen seiner Geldsorgen. Er schien auch die Rechnerei lieber allein erledigen zu wollen. Nunja habe ich mehr Zeit für die Bildung des Knabens. Ich denke wir werden die nächsten Tage mit der Arithmetik beginnen.
1.Oktober
Merkwürdiges ist passiert. Mögen der Heilige Thomas von Aquin mir Einsicht schenken! Ich werde bei Morgengrauen nach Venezien reisen, um dort ein Heilmittel gegen die Krankheit (oder den Fluch?) suchen, welche den armen Heinrich heimgesucht hat. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, als ob alles Gute und Starke aus ihm herausgesaugt worden wäre. Ob ich im Alter auch so aussehen werde?
Nichtsdestotrotz werden wir (also ich, der junge Knabe, der Priester des Dorfes ein gutmütiger Mann Namens Lucien, der Sheriff der Baronie ein etwas grimmiger Mann, der nur Wulfgard genannt wird und ein junger Engländer, der sich unter dem Namen Vincent sein Brot in der Baronie verdient, aber sicher ein guter Kerl ist (immerhin hat er Heinrich aus den Flammen gerettet) unser Bestes geben besagtes Gegenmittel zu besorgen. Ich komme mir ein bischen wie ein Mitglied einer Gruppe von Jungspunden vor, die losziehen um sich ihre Sporen als Ritter bei einer Queste wie in den Artussagen zu verdienen!
Hoffentlich schenkt uns Petrus ein gutes Wetter.
3.Oktober
Sind gut vorangekommen und kamen bis jetzt in Bauernhäusern unter. Das Wetter ist schlecht. Morgen und vielleicht auch Übermorgen werden wir im Wald nächtigen müssen. Ich glaube ich habe mich erkältet.
4.Oktober
Schreibe diese Zeilen am Morgen. Heute Nacht hat uns ein Ursus angegriffen, zum Glück wurde er von Vincent und Wulfgard erschlagen. Wulfgard wurde dabei verwundet, zum Glück nicht schwer.
Abends. Sind in einem kleinem, wahrlich gottverlassenem Dorf untergekommen. Schon als wir seine Grenzen erreichten, sahen wir ein Holzkreuz an dem eine alte Frau geschlagen war! Wie sich herausstellte, war sie aber wohl das Opfer eben jener Krankheit unter der auch Heinrich leidet. Hoffentlich endet er nicht auch so! Zumindest habe ich als ich eine Alraune unter den Füssen der armen Teufelin suchte, um ein Heilrezept Hildegards von Bingen an Wulfgard auszuprobieren gemerkt, dass sie tatsächlich noch eine Art von Scheinleben in sich trug. Als ob ihre Lebenskraft auf gar schrekliche Art und Weise pervertiert wurde.
Aber auch ihr Ehemann, nach dessen Verschwinden sie diese Krankheit bekamm, ist kein Unbekannter: es ist jener armer Tor der das Feuer bei uns zu Hause legte! Wir wissen noch nicht, worum diese Geschichte geht und dieser gottverdammte Pfaffe in der Kirche hat uns auch nicht weiterhelfen können dabei. Aber Lucien hat mich durchaus beeindruckt, er kann durchaus auch ein guter Priester sein, wie es scheint. Wie es ausschaut hat mich Gott mit ehrbaren Männern auf diesen Weg geschickt.
Mal sehen ob wir Morgen vor unserer Abreise noch etwas im Wald finden, zumindest schienen sich die beiden Eheleute vor ihrem Wahn dort viel aufgehalten zu haben.
5.Oktober
Gefunden haben wir tatsächlich etwas, aber nur wieder etwas was nur noch mehr Fragen aufwirft: eine Leiche bei einer kleinen Waldhütte, erschlagen vom Brandstifter und ausgeplündert bis auf zwei Einladungen zu einem Maskenball in Venedig. Merkwürdig! Wir reisen weiter sobald die Pferde gepackt sind, mal sehen wann wir endlich ankommen.
Abends: Sind endlich in Venedig angekommen. Was für ein Gestank aus den tiefsten Tiefen der Hölle! Die Menschen die hier leben müssen wahrlich eine Nase wie ein Gerber haben, das wasser ist dreckiger als selbst das Kölns oder Nürnbergs. Aber nichtsdestotrotz ist die grandiose Architektur ein wahrer Augenschmaus. Nicht so bewundernswert ist Falks Benehmen, werde mit ihm nocheinmal den Knigge durchnehmen müssen, führwahr.
Nachts: Grauenhaft, schrecklich, purer Wahnsinn! Es ist ein göttliches Wunder, dass ich diese Zeilen hier zu Pergament bringen kann, denn vor wenigen Stunden trat ich noch Wasser mitten in der venezianischen Lagune! Ein Kerl namens Paris, der wirklich merkwürdig aussah und sich auch so verhalten hat, wollte uns übersetzen obwohl die Insel St. Clara wegen irgendeines Mordfalles komplett gespert ist. Er verhielt sich auch durchaus intelligent, weil er geschickt den Booten der Stadtwache auswich und im Dunkeln blieb, aber dann brachte er plötzlich das Boot zum kentern und verschwand selber im dunklen Wasser! Nur mit viel Mühe und Not konnten wir fünf das Boot wieder aufrichten und uns mit zitternden Gliedern voller Kälte weiter fortbewegen. Ich frage mich welcher Teufel den Kerl geritten haben muss. Ob es allles zuammenhängt? Es scheint so.
Mein Tagebuch war zum Glück gut in Leder eingewickelt und verpackt, so dass die Seiten nur etwas faltig geworden sind. Ich schreibe diese Zeilen in der Kirche in die wir uns hereingeschlichen haben um dort unsere Kleider zu trocknen. Nur der Priester fehlt zu unserem Erstaunen, aber man wird sehen was nun kommen wird. Wir werden wohl noch in dieser Nacht losschleichen und versuchen das Haus des Arztes zu finden.
6.Oktober
Herr im Himmel! Bei der Heiligen Dreifaltigkeit und der Jungfrau Maria! Möge mein Geist diese Nacht von den Bildern und Ängsten verschohnt bleiben, die mir Heute zuteil wurden! Ich will chronologisch berichten, aber mit jedem Federstrich zittern meine Finger.
Noch in der letzten Nacht fanden wir in beschriebener Kirche die Leiche des Priesters, an einem Strick an seinem Fuss aufgehängt und wohl vor Angst und Schrecken gestorben. Wir waren wohl von diesem Anblick wie betäubt, dass uns entging wie Falk, mein eigener Schüler, entführt wurde! Obwohl er sich direkt hinter Lucius befand, obwohl die Trepppe und jede Tür in dieser Kirche lauter war als die Trompeten von Jericho schaffte es der Vampir (ich hege jetzt keinen Zweifel mehr) ihn sich zu schnappen und ihn in wenigen Augenblicken aus der Kirche und aufs Wasser zu bringen. Wir konnten nichts tun und machen, ich fühle mich schreklich dabei ihn zurückzulassen und mache mir Vorwürfe.
Wir beschlossen dann doch weiter nach dem Haus des Artztes zu suchen, durstend nach Antworten. Wir fanden es auch und fanden seine Tür mitten in der Nacht unverschlossen. Kein gutes Zeichen, genausowenig wie die Rattengeräusche aus dem Inneren. Was dann aber auf uns wartete war gräßlicher als alles was wir erwartet hatten: Leichen von finsteren Wesen der Nacht, komplett oder fast gänzlich zu Staub zerfallen durch die Kraft der Sonne, dutzende tote Knechte und Mägde, brutal hingemetzelt durch feinste Kehlenschnitte und fast alle schienen in nur einem Augenblick gestorben zu sein!
Ich hätte nie gedacht, dass an den Legenden über Vampire etwas dran sein könnte, aber scheinbar gibt es sie: Wesen der Nacht die bei Sonnenlicht vergehen, Unsterblich sind, Blut trinken müssen um diesen Status zu erreichen… schließlich fanden wir heraus, dass eben jene Medizin die dieser arme Tor Heinrich von uns wollte das Blut ist, das Blut der Vampire! Ich werde ihm meine Fragen stellen und wenn er keine guten Antworten hat, werde ich persönlich ihm dem Feuer der Heiligen Inquisition übergeben.
Und als ob es nicht schon genug der bösen Omen gegeben hätte sahen wir auch noch einen bösartigen Raben der eien der Masken stahl welche die Vampire kurz vor ihrem Ende trugen (ja sie waren es die jenen Maskenball abhielten, ein seltsamer Zufall) und Wulfgard verhielt sich kurzzeitig ebenso als ob ein Vampir ihn kontrollieren würde! Ich werde meine Augen offen halten und wachsam bleiben.
Wir haben beschlossen uns noch diesen Tag im Garten auf die Lauer zu legen. Wir haben dort nämlich noch ein prachtvolles Pferd gefunden und hoffen denjenigen aufspüren zu können der es seit dem Massaker noch füttert. Ansonsten werden wir per Fluss zu Heinrich reisen und ihm Fragen stellen und die Medizin geben
Obwohl mir Gedanken durch den Kopf rasen. Ich weiß nicht ob es dieser Ort ist, ob es die Frage ist wie gebildet der Artzt war wenn er wirklich unsterblich war (seine Bücher waren grandios) oder ob der Satan mich durch meine Angst verderben konnte, aber ich frage mich wie es wäre hunderte von Jahren Zeit zu haben alles Wissen der Welt zu erlernen.

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