JOE KONS VORMITTAG
von einem unbekannten Konzerner
[Tagebücher scheinen ja richtig beliebt zu sein. Dieser hier stammt von einem Lohnsklaven, dessen Tagebuch bei einem Matrixrun mit ausgeborgt worden ist.] SysOp[So ausführlich schreibt natürlich kein Mensch jeden Tag Tagebuch. Joe Ares hier hat im Urlaub angefangen Tagebuch zu schreiben und das dann wieder daheim noch etwa zwei Wochen lang beibehalten. Nachdem er sein Werk dann das erste mal gelesen hat, ist ihm aufgegangen, wie beschissen sein Leben doch eigentlich ist und er hat mit Tagebuchschreiben aufgehört.] DeMac
Es ist früher Morgen. Ich stehe auf und schleppe mich 2 Meter vom Bett weg in die Küche. Nachdem ich meinen ersten Soykaf getrunken habe, ist es noch zu früh zum Duschen, denn warmes Wasser gibt es in diesem Bezirk erst ab 6. Also schalte ich den Fernseher an. In den Nachrichten nur Ausschreitungen, Terrorismus und Katastrophen. Die Alternative: Urban Brawl. Noch mehr Neanderthaler, die sich die Scheiße aus dem Hirn schießen, müssen nun wirklich nicht sein. Dann lieber den Wetterbericht. Es wird also regnen. Welch Abwechslung. Ich lege schon mal meinen säurefesten Überwurf und meine Atemschutzmaske raus und trinke meine zweite Tasse Soykaf. Die lauwarme Dusche weckt ein paar zusätzliche Lebensgeister und nach dem Genuss einer kalten Reissuppe mache ich mich für den Weg zur Arbeit fertig.
Die Pistole, die ich mir vor einem halben Jahr nach dem Überfall gekauft habe, verschwindet dezent in der Tasche meiner gepanzerten Jacke, zusammen mit dem Antidotpatch, das ich immer dabei habe, seit mein Bruder damals gestorben ist, am giftigen Biss einer Teufelsratte. Am gelb-schwarz umrandeten Panicbutton vorbei verlasse ich meine Wohnung und eile schnell die Treppen runter. Je schneller ich das Haus verlasse, desto besser, denn man weiß nie, wieviele der hier wohnenden Jugendlichen in die Schule gehen und wieviele einem aufauern könnten. Für den Fall, dass doch was passiert, habe ich ja noch den Elektroschocker in der anderen Tasche.
Diesmal habe ich wohl Glück gehabt und komme sicher unten an. Ich ziehe das schwere Chemoschutzcape über und setze die Atemschutzmaske auf. Stinken tut es immer noch, aber dafür ist die Maske ja auch nicht da. Ich biege schnell nach rechts, die Straße runter. Seitdem mein Wagen vor drei Monaten gestohlen wurde und die Versicherung nicht zahlte, muss ich mit der Monorail fahren. Auf dem Weg zum Bahnhof muss ich an zwei Lone Star Beamten vorbei. Mir wird ein bisschen mulmig, denn man weiß nie, wie diese Typen reagieren. Mit ihren zentimeterdicken Panzerplatten am Körper und den scharf geladenen Schnellfeuerwaffen in der Hand sind sie immer sehr distanziert und wirken mehr wie eine Besatzungsmacht als wie Freunde und Helfer. Freundlich sind sie schlißelich nicht, immer in der Angst man könnte ihnen zu nahe kommen, ihnen ein Messer unter die Panzerung stechen, oder einen Molotowcocktail ins Auto werfen. Helfen tun sie auch nicht. Dafür gibt es ja die Konzernpolizei und die schützt einen nun mal nur am Arbeitsplatz. Dafür ist man dann dort wenigstens solange sicher, bis irgendwelche Terroristen wieder einen Anschlag machen. Aggressive Übernahmen und Wirtschaftssabotage nennen die Großkonzerne das.
Mir ist das erstmal egal, denn ich erreiche sicher die Monorailstation. Das Computersystem der Verkehrsbetriebe bucht die Fahrgebühren von meiner Bahnkarte ab, als ich durch den Sensorrahmen der Station gehe. Lautlos und anonym. Genau wie ich es mag. Am Bahnsteig angekommen sehe ich, dass der Zug Verspätung haben wird. Das Chaos, das entstand, als die Renraku-Arkologie sich von der Außenwelt abgeschottet hat, war enorm und noch immer sind die Fahrpläne komplett ruiniert. Dafür wird dieser Bahnhof jetzt nicht mehr von der Polizei, sondern von der Metroplexgarde patrouilliert, schießwütige und unterbezahlte Paramilitärs, die ihren Frust über das miese Gehalt nur zu gerne an ihren Mitmenschen auslassen. Dafür sind die Ganger, Punks und Asozialen, die normalerweise hier rumpöbeln, jetzt umgezogen. Mit einer Viertelstunde Verspätung kommt endlich der Zug, obwohl man ihn auch auf Anhieb für eine rollende Grafti-Leinwand halten könnte. Ich steige ein und umarme den Gestank beißenden Urins. Er bedeutet Sicherheit, denn wo die Penner den Wagen vollgepisst haben, ist man mindestens eine Station
noch für sich.
Übernächste Station steigen die Sararis der unzähligen japanischen Keiretsus zu. Denen ist das sowieso egal, und sie füllen dann den Zug bis unter die Decke. Bevor die Japaner hier her kamen, war alles noch besser. Mein Vater hat mir das immer gesagt, bevor er mit 39 an Lungenkrebs starb. Um mich etwas abzulenken, stecke ich mir einen SimSinn Chip in die Buchse und lege ihn mit 50% Intensität über die graue Wirklichkeit. Limousine mit Chauffeur heißt das Programm und gibt einem ein angenehmes Gefühl von Privatsphäre und Distanz. An meinem Zielbahnhof angekommen, kämpfe ich mir einen Weg ins Freie, vorbei an den Japanern, die Mangas lesen oder kleine Mädchen im Zug begrabschen, den zugeknöpften Deutschen die lieber sterben würden, als einem Platz zu machen, den aggressiven Koreanern von denen man immer einen Ellenbogen mitbekommt und den eingebildeten Schwarzen die bis heute nicht kapiert haben, dass sie keine bedeutende Minderheit mehr sind. Auf dem Bahnsteig angekommen, geht der Kampf weiter bis ich aus dem Bahnhof raus bin. Auch hier stinkt es, diesmal aber nach Müll. Schlielich streiken die Müllfahrer mal wieder seit ein paar Tagen. Sollen sie die doch alle rausschmeissen. Roboter sind mir da zuverlässiger und die streiken auch nicht. Wenigstens streikt die Polizei nicht schon wieder. Davon gibt es hier nämlich eine ganze Menge. Warum weiß keiner, aber offenbar beschützen sie die schlechten Gegenden gerne schwerst bewaffnet zu zweit und die besseren Gegenden leicht gepanzert zu hunderten. Hier sieht man sie überall. Sie regeln den Verkehr, helfen alten Frauen über die Straße und grüßen freundlich. Muss irgendwas mit Imagepfege zu tun haben. Mir können die gestohlen bleiben. Überbezahlte Grinsepeter sind das. Jeder von denen kann schlechter schießen als ich, der ich vier- und nicht dreimal im Jahr auf dem Schießstand bin und kennt sich weniger mit den Gesetzen aus als die Nutte an der Ecke. Die hat nämlich ein 150¥ Jurasoft in der Buchse und die Cops haben nur ein veraltetes 30¥ Demoprogramm.
Ich gehe also weiter und es passiert, was irgendwann auf jedem Weg durch die Stadt passieren muss: Ein Troll kommt mir entgegen. Trolle sind die Pest am Morgen. Schlecht gelaunt, weil alle sie hassen und weil sie überall anecken, walzen sie die Bürgersteige entlang und zwingen jeden ihnen auszuweichen, der nicht von ihnen zermalmt werden will. Dabei heißt es in den Medien manchmal, dass sie das nicht mit Absicht machen, aber wenn es nach mir ginge, hätten die Ungetüme nichts auf der Strae zu suchen. Elefanten und Rhinozerosse laufen ja auch nicht in der Stadt rum, sondern leben im Genlabor, wo sie hingehören. Jedenfalls kommt dieses Ding auf mich zu und ich muss mir schnell überlegen, was ich mache. Entweder ich versuche schnell in einen Ladeneingang zu verschwinden, aber da stehen schon überall andere, oder ich quetsche mich an die Hauswand und hoffe das ich mir nichts breche. Die Straße ist keine Alternative, denn dort gibt es nur 6 Spuren breit rollenden Tod. Während ich noch zögere, wendet sich das Blatt allerdings zu meinen Gunsten, denn der Troll dreht sich zur Straße, streckt die Hand aus und marschiert einfach rüber. Diese Viecher können sich das leisten, weil kein LKW-Fahrer eine Kollision mit einer halben Tonne Troll riskieren will. Das wäre ein Totalschaden. Unmöglich ist das, aber dafür habe ich freie Bahn.
In der Ferne kann ich schon meinen Arbeitsplatz sehen. Ich arbeite im 112. Stock des Sennet Lane Ares Towers, einem der zahlreichen Verwaltungskomplexe von Ares Amerika. Dass ich den Turm in der Ferne sehen kann, bedeutet natürlich nicht, dass er weit weg wäre, denn der Morgensmog beschränkt die Sicht auf weniger als 300 Meter. Eine Ecke vorher grabscht mich ein Penner an und raunt irgendwas von Geld, aber ich verpasse ihm schnell eins mit dem Schocker und eile weiter. Erleichtert steige ich die Marmorstufen zur Lobby hoch, drossele mein Tempo rasch an der obersten Stufe und zücke meinen Sicherheitsausweis. Gerade rechtzeitig, denn mein rasches Annähern hat einen der Schutzbeamten offenbar nervös gemacht und synchron zu seiner Maschinenpistole schwenkt auch das Bordgeschütz der schweren Sicherheitsdrohne auf mich zu. Der Wachmann überprüft den Ausweis. Offenbar hat er mir mein Lauftempo übel genommen, gestern gab es wieder einen Bombenanschlag, und er weist mich an, den zweiten Eingang mit den Zusatzkontrollen zu nehmen. Ich passiere die Sicherheitsschleuse und hole mir im Scanner meine monatliche Maximaldosis an Röntgenstrahlen und UV-Licht.
Dann darf ich weiter durch in die Hauptlobby. Dort angekommen nehme ich zuallererst die Maske und dann das Cape ab. Die frische Luft wirkt belebend und nimmt die Beklemmung des Morgens von mir. Das liegt natürlich vor allem daran, dass der Konzern die Luft mit Sauerstoff anreichert. Sehr angenehm. Mit dem Expressfahrstuhl trete ich den letzten Weg dieses Vormittags an und rase mit knappen 100 km/h auf den 112. Stock zu. Dort arbeite ich in einem geräumigen Büro von 4×2 Metern, in etwa so groß wie mein Wohnzimmer, mit zwei Kollegen zusammen. Wir gehören zur Schadensberechnungsabteilung des Versicherungsbüros des Sicherheitsdienstes und sind dafür verantwortlich, die Schäden des letzten Tages für die Juristen vorzuverarbeiten. Heute sind das zwei Bombenanschläge, eine schwere Sabotage, zweimal Vandalismus und einmal Umweltaktivisten, also eine ganze Menge zu tun. Nichts ungewöhnliches, aber ich bin trotzdem mal wieder wie erschlagen.
Heute Abend geht das ganze wieder rückwärts von vorne los. Es wird weniger Gedränge sein, denn der Feierabend ist zerfaserter, aber dafür gibt es mehr gewalttätigen Abschaum in den Straßen und es ist schwerer, ihnen aus dem Weg zu gehen, nachdem man mit den Kollegen nach Feierabend mindestens 4 Bier getrunken hat.
Es könnte schlimmer sein, denn ich könnte für einen JapaniKon arbeiten. Dann müsste ich jetzt mit kratziger Kehle und der Übelkeit der Morgendämpfe die Konzernhymne singen und abends bis zur Besinnungslosigkeit Sake trinken. Im Vergleich zu anderen Menschen geht es mir also ziemlich gut.
[Interessant geschrieben. Zum Glück öffnet einem der Lauf durch die Schatten die Augen und man kann sich über so ein Drecksleben erheben!] Avatar[Sei dir da mal nicht so sicher. Ich habe genügend Runner getroffen, welche genau so engstirnig, spiessig und blind waren für die Welt. Bloss auf eine andere Art und Weise.] FastJack

