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Ausgefuchst

by Speaks-with-Courage (2004)

Der von Wundbrand und Maden zerfressene Kadaver eines Hirsches verbreitete einen bestialischen Gestank, eine Mischung aus Leichengeruch und dem bedrohlichen Aroma von Blausäure. Etwas hatte dem Tier die Sehnen an allen Gliedmaßen zerfetzt und dann mit Klauen oder Zähnen die Augen aus den Höhlen gerissen.

Am Anfang der Jagd hatte Roland noch gezweifelt… Silberlied, der Galliard, der Falkner des Mondes, dem Silberfangrudel, bei dem er untergekommen war, musste doch sicher symbolisch gesprochen haben. Böse Geister hatte er erwähnt, Geister, die in die reale Welt übertreten könnten um grausige Taten zu begehen. Diese Vermutung wich aber sehr bald dem ganz klarem Verständnis, dass es tatsächlich Wesen auf dieser Welt gab, die bestenfalls in Horrorfilmen etwas zu suchen hätten.

Und eines dieser Wesen sollte Roland nun aufspüren und niederstrecken - ihm war dabei mehr als mulmig, denn die Fotos, die Silberlied ihm gezeigt hatte, zeigten wahre Abscheulichkeiten - so verwackelt sie auch waren, vielleicht tat die Unschärfe sogar nur ihr übriges, um die schleimigen Monster aus Knochen und Zähnen noch unirdischer aussehen zu lassen.

Der Welpe würgte. Das Ganze war ein bischen viel für einen vierzehnjährigen Sohn einer Adelsfamilie (auf die er trotz des intensiven Zuredens seiner Rudelgefährten noch immer nicht stolz war). Er versuchte seine Finger zu entspannen, damit er schnell reagieren könnte, sollte sich die Lage als bedrohlich erweisen; und begann, im Umkreis des Kadavers nach Spuren zu suchen.

Die kleinen Krallenspuren im weichen Lehm hätten gut von einem Dachs oder einem Hund stammen können… die silbrig glänzende Schleimspur, von der ein süßlicher Geruch irgendwo zwischen Kühlschrank und Erbrochenem ausging, aber wohl eher nicht! Er hatte endlich eine Fährte gefunden, die frischer war als die anderen im Gebiet. Er würde das Monster finden.

Der etwa einen Fuß breite Schleimfilm zog sich fast durchgängig entlang der Fährte, Roland wagte nur zögerlich zu Mutmaßen, was genau die Spur hinterließ… der Bauch? Drüsen? Speichel? Seine Gedanken wurden schlagartig unterbrochen als der Wind drehte und ihm aus der Richtung, aus der die Spur hinter einem kleinen Hügel verschwand, ein beißender Chlorgeruch entgegenschlug - mitten im Wald!

Die wilde Mülldeponie, zu der die glitzernde Spur führte, war ein schockierender Anblick. Neben einigen gelben Säcken mit Hausmüll und etwas Bauschutt hatte irgendjemand hier Chemieabfälle verklappt, ringsum waren die Bäume eingegangen und schwarze, mit neongelben Totenköpfen beschriftete Plastikkanister lagen kreuz und quer verstreut zwischen den Müllsäcken. Mehrere von ihnen waren bedrohlich aufgebläht, viele andere waren offenbar schon in der Sommerhitze der letzten Wochen geborsten.

Das röchelnde Schlürfen, das aus einem Erdloch am anderen Ende dieses Schandflecks drang, zog Rolands Aufmerksamkeit auf sich, und langsam - große Bögen um die prallen Gefahrgutkanister machend - ging der Junge auf das Loch zu. Mit einem lauten, erst zögerlichen, dann bestimmten 'schhhhhhhhhinggggg' zog er das Rapier aus der selbstgebastelten Scheide an seinem Gürtel. Das Schlürfen erstarb, um bald von einem Scharren, einem schleimigen Röcheln und feuchtem Klatschen ersetzt zu werden. Es schien näher und näher an den Ausgang des Erdlochs zu kriechen.

Roland taumelte erschrocken ein paar Schritte nach hinten, verlor dabei beinahe seine Waffe. So etwas hatte er nicht erwartet! Diese… Kreatur war ein unglaublich scheußliches Etwas, das selbst in seinen grausamsten Alpträumen nicht hätte existieren dürfen. Es kroch fast wie ein Waran oder eine Echse auf tatzenbewehrten Beinen, die wegen Arthrosen, nässenden Wunden und Gicht fast nicht als solche erkennbar gewesen wären. Sein aufgedunsener, von ledriger Haut bedeckter Bauch pulsierte, als würde sich etwas darin rühren. Ein paar wenige Fetzen dessen, was wohl einmal das rostrote Fell des Tieres gewesen war, klebten noch an dieser Unterhaut, die einen glitschigen, silbrigen Schleim abzusondern schien. Etwas weiter oben war das Fell noch dichter, wenn auch von eitrigen Geschwüren durchsetzt, die große Büschel von Haaren zu stinkenden Knäueln verklebten. Die Lunte des Wesens war zu einem knorrigen, unbrauchbaren Glied degeneriert.

Auf dem Hals, der etwas zu lang und dürr schien und auf dessen Oberseite zwei knochige Dornen die Haut durchstachen, saß der gräßliche Kopf der Kreatur, die sich mit etwas Phantasie als ehemaliger Fuchs bezeichnen ließ. Das Fell an den Ohren war komplett ausgefallen, die Blutgefäße pulsierten unheilsvoll unter der gräulichen Haut, als könnten sie jederzeit platzen. Auf der Stirn des Wesens klaffte eine Wunde, durch die man eine Art drittes Auge auf der darunterliegenden, von Blut und Eiter umgebenen Hirnmasse liegen sehen konnte - es schien sich sogar zu bewegen. Die beiden ursprünglichen Augäpfel der Bestie waren trübe und aus den Tränendrüsen siffte eine schwarze, zähflüssige Masse. Aber das Erschreckendste waren die gut zehn Zentimeter langen Zähne des besessenen Tieres, die sich durch die vom Wundbrand zerfressenen Lefzen der gegenüberliegenden Kiefer bohrten und das Maul grotesk weit gespreizt hielten.

Mühselig das Rapier wieder fester greifend, und leise fluchend, dass er nur eine Stich- und keine Hiebwaffe, wie einen Säbel besaß, begann der junge Garou sich der Kreatur anzunähern, die ihn bald darauf giftig anfauchte und eine drohende Haltung annahm, die blinden Augen bläulich glühend, das dritte in einer brodelnden Suppe aus Blut und Eiter schwimmend und auf Roland fixiert.

Degenwulf stach zu….

stories/ausgefuchst.txt · Zuletzt geändert: 2006/10/03 20:45 (Externe Bearbeitung)