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Lauf!

Die Straßen wirkten leer und tot in diesem Viertel von Chicago. Es hatte gerade aufgehört zu schneien, doch der dreckige Schnee lag Zentimeter dick auf den Straßen und Dächern der Stadt. Kaum ein Mensch wagte sich bei dieser eisigen Kälte ohne triftigen Grund auf die Straße. Die dunklen Gestalten in den Gassen froren und manche von ihnen schreckten auch vor Mord nicht zurück, für warme Kleidung, ein paar Dollar oder einfach nur ein wenig Spaß. Die Zeitungen berichteten oft genug davon.
Nur ein einziger Wagen war nicht unter der weißen Decke begraben. Der schwarze BMW parkte vor einem der kleinen, heruntergekommenen Wohnhäusern der Straße. In der ersten Etage brannte Licht.

„Es ist spät, lass uns gehen. Wie haben hier alles.“ Lee nickte und ließ seinen Blick noch einmal prüfend durch den Raum wandern. Alles war so, wie sie es vorgefunden hatten. Keine würde etwas bemerken. Er hätte es lieber vermieden, in dieser gefährlichen Gegend die Wohnung eines toten Dealers zu durchsuchen, doch das war leider die einzige Spur, die ihnen noch blieb.

Es war schon später Abend als Samuel und Lee die Wohnung des Dealers verließen. Ihr kleiner Ausflug hatte länger gedauert als erwartet, doch der Besuch hatte sich gelohnt. Sie konnten einiges in Erfahrung bringen und hatten einen neuen Anhaltspunkt: Eine Telefonnumer! Vielleicht konnte die ja ein wenig mehr Licht in die Sache bringen.
Samuel griff in seine Tasche und die Türen des BMWs entriegelten mit einem leisen Klicken. Versunken in Gedanken über die neuesten Erkenntnisse stiegen beide in den Wagen und lauschten einen Moment lang dem leisen Motorgeräusch der schweren, gepanzerten Limousine. Sie waren froh, wieder im Auto zu sitzen, denn diese Gegend war gefährlich. Die Wohnung des Dealers lag im Gebiet der Reinen und das ansässige Rudel war nicht gerade für seine Gastfreundschaft bekannt. Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Warmes Blut bedeckte ihre Zunge und füllte langsam ihren Rachen. Sie kannte den Geschmack von Blut, doch dieses Mal war es ihr Eigenes! Unter Krämpfen erbrach sie Blut und Speichel in den weißen Schnee und sah wieder nach vorne. Keine Deckung in Sicht, keine Gasse, in der sie sich versteckten könnte. Die eiskalte Luft stach in ihre Lunge wie tausende kleine Nadeln doch das war nichts gegen die Hölle, die sich in ihrem Unterleib befand! Sie würden sie finden, da war sie sich sicher. Und dann würden sie sie töten!
Hinter ihr hallten wütende Schreie durch die Nacht. Einer ihrer Verfolger brüllte den anderen tödliche Befehle zu. Sie rannte so schnell ihre Pfoten sie tragen konnten, doch ihr rechter Hinterlauf blutete stark und knickte immer wieder zur Seite. Das Salz auf den Gehwegen brannte wie Feuer und der Schmerz lähmte ihre Muskeln. Jeder Schritt löste eine Welle von Schmerz und Blut aus und brachte sie näher der Ohnmacht, die sie so fürchtete. Und die Kugel in ihrem Bauch… daran wollte sie gar nicht erst denken.
Mit Schrecken erinnerte sie sich an den Schuss und die unerträglichen Schmerzen, als sich die Silberkugel in ihren Körper bohrte. Silber! Diese Bastarde schrecken vor nichts zurück! Lange konnte sie die Jagd nicht mehr durchhalten. Sie musste von der Straße weg, sonst hatte sie keine Chance.
Sie schlug einen Haken, um hinter der nächsten Hausecke Deckung zu finden, doch der glatte Gehweg bot ihren Pfoten keinen Halt. Sie stürzte und knallte unsanft gegen ein parkendes Auto. Rote Schlieren zogen durch ihr Blickfeld, alles schien so weit entfernt… Selbst die Schmerzen wurden immer unwirklicher… Ihre Kräfte waren am Ende, die Orientierung hatte sie längst verloren…
„Da vorne!“ brüllte eine Stimme hinter ihr. Sie zuckte zusammen. So nah waren sie schon! Ein Schuss löste sich und schlug direkt neben ihr ins Autoblech ein. Adrenalin schoss durch ihre Adern und holte sie zurück in die Wirklichkeit, wie durch ein Wunder kam sie wieder auf die Pfoten. Sie riss die Augen auf und lief!

Lee wurde plötzlich von einem unerwarteten Geräusch aus den Gedanken gerissen. Er drückte die Beifahrertür wieder auf und sah nach hinten in die Richtung, aus der das laute schmerzerfüllte Jaulen kam. Verwirrt betrachtete er den Hund, der keine 5 Meter von ihm entfernt auf dem Gehweg lag und verzweifelt versuchte, auf die Beine zu kommen. Dann ein Schuss! Instinktiv zog er den Kopf ein und knallte die Wagentür zu. Im nächsten Moment schon rannte etwas am BMW vorbei. Es war der Hund.
„Fahr!“ war das einzige, was Lee noch brüllen konnte. Samuel rammte den ersten Gang rein und beide blickte dem Hund nach, immer noch verwirrt durch das, was gerade geschah. Scheinbar aus dem Nichts tauchte plötzlich neben dem Wagen ein gigantischer Schatten auf. Eine Hand knallte mit voller Wucht gegen die Scheibe der Beifahrertür. Lee zuckte zusammen und dann blickte er in die Augen einer Bestie! Krallen knirschten über das Panzerglas und die kochende Wut war deutlich in den gelben Augen des Garu zu erkennen. Samuel gab Gas!
Ein Werwolf dieser Größe hätte den BMW problemlos hinterher springen können, doch er tat es nicht. Er und die anderen drei Gestalten rannten weiter die Strasse entlang, hinter dem Hund her. „Verdammt, die Reinen! Wie konnten sie uns…“ Samuel unterbrach seinen Beifahrer mit einem kurzen Knurren und deutete nach vorne. Der Hund schien schwer verletzt zu sein und rannte um sein Leben. Aber was wollten die Reinen von einem Straßenköter? „Kein Hund kann so schnell rennen. Das ist ein Uratha! Einer von uns! Bis zur Reviergrenze sind es nur noch ein paar hundert Meter aber das wird er nicht schaffen!“ Samuel fuhr inzwischen auf gleicher Höhe mit den Verfolgern und gab weiter Gas. Lee konnte sie gut erkennen. Der Größte rannte in seiner Kampfgestalt mitten durch das Wohngebiet, die beiden Männer folgten ihm als Dalu, halb Mensch halb Bestie. „Er muss wichtig sein, wenn sie so viel Öffentlichkeit riskieren.“ Samuel gab weiter Gas.
Die dritte Gestalt, offensichtlich weiblich, rannte genau so schnell wie ihre Gefährten, aber deutlich geschickter. Sie hatte keine Probleme mit dem glatten Untergrund wie die Anderen und schien absolut ruhig und konzentriert. Dann hob sie im vollen Lauf den Arm. „Eine Waffe, sie wird schießen!“ Lee knurrte und wechselte in die Dalu-Gestalt. Brennende Wut kam in ihm auf, er wollte nicht mit Ansehen wie ein Uratha einfach so hingerichtet wird!
Samuel war nun auf einer Höhe mit dem panisch über den Gehweg hetzenden Hund. „Lee? Mach die Tür auf!“ Samuel blickte Lee an und dieser wusste sofort, was zu tun war. Er stieß die Beifahrertür auf, hielt sich am Türrahmen fest und lehnte sich aus dem Wagen so weit er konnte. „Komm her!“, brüllte er und der Hund schien zu verstehen. Mit letzter Kraft warf er sich auf die Straße, dem BMW entgegen. Samuel fuhr sofort heran, Lee packte den taumelnden Hund und riss ihn in die Fahrerkabine. Im selben Moment schlug eine Kugel donnernd in die Innenseite der Tür ein und Silber spritzte durch die Luft. Panisch warf Lee den blutüberströmten Körper des Hundes auf die Rückbank und riss die Tür zu. „Gib Gas!“ brüllte er und Samuel gab Gas!

Ihr Herz raste! Sie konnte kaum begreifen, was die letzten Augenblicke geschehen ist. Das Blut in ihren Adern brannte! Panisch strampelnd versuchte sie halt zu finden, doch ihr verletztes Bein rutschte immer wieder von dem glatten Leder des Rücksitzes ab. Sie hörte Stimmen, dumpf und Kilometer weit entfernt. Etwas wie „Du bist in Sicherheit…“ Dann wurde es schwarz.

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