Remembrance
by Folgt-dem-Wind (2004)
Nicht mehr da… niemals mehr… niemals wieder…
Der nasskalte Herbstwind wehte Dean die Haare in sein Gesicht. Er bemühte sich nicht sie wegzustreichen, nahm es nicht einmal wirklich zur Kenntnis. Seine Augen brannten. So lang schon starrten sie ziellos ins Leere. Jedes Gefühl für Zeit war längst in dem dämmerigen Zwielicht versunken, dass sich wie ein Schwamm in seinem Inneren ausbreitete und alle Gefühle gierig in sich aufzusaugen schien. Nicht mehr da… So oft waren diese Worte durch Deans Verstand gezogen, dass sie ihm fast wie ein vertrautes Mantra erschienen. Ein Mantra, an dem man sich festhalten konnte. Wenigstens irgendein Halt. Etwas, das ihn davor bewahrte, nicht in die Schwärze zu versinken, die am Rande seines Verstandes waberte. „Komm doch, lass dich fallen, einfach fallen, es ist so leicht, gib doch einfach auf“ schien sie ihm zuzuflüstern. Das erste mal seit Stunden kniff Dean die Augen fest zusammen, schüttelte leicht den Kopf. Ein leises Keuchen kam über seine Lippen. Sobald er die Augen geschlossen hatte waren sie wieder da. Die Bilder! Die Augenblicke, die sich wie aus Feuer in sein Gedächtnis gebrannt hatten. Kampflärm! Knurren und Schreie! Dunkelheit, nur leicht von Lunas sanfter Hand berührt und die im Kampf sich gegenüberstehenden Gestalten, die sich im Zwielicht abzeichneten. Vier von ihnen in den majestetischen Kriegsgestalten der Garou. Die anderen bizarre Karikaturen menschlicher Körper, mit grauer, ölig schimmernder Haut, Dornen und Furunkel überzogen, die Extremitäten, die sich zuckend und sich windend gegen die Krieger Gaia zur Wehr setzten grotesk verlängert. Der Kampf dauerte nicht lang. Schnell waren die Fomorer besiegt. Doch war dies ein blosses Kinderspiel gegen das, was dann zwischen den Bäumen hervorbrach. Wieder schüttelte Dean den Kopf, als könne er den Anblick so aus seinem Gedächtnis herausjagen. Doch das Unvermeidliche folgte, so wie es die ganzen letzten zwei Tage über gewesen war… Der Kampf gegen die Bestie schien ewig zu dauern. Plötzlich wurde Dean von einem der dornenbewehrten Tentakel der Bestie getroffen und einige Meter weit nach hinten geschleudert. Benommen sah er Hunts-with-laughter nach vorn stürzen, gerade auf den Tentakel der Bestie zu, der gerade auf Dean niedergestürzt war. Ein singendes Aufblitzen seiner Klaive und einer der schuppigen Arme der Kreatur fiel zu Boden. Blitzschnell ließ er sich zur Seite fallen, rollte sich unter einem anderen der um sich schlagenden Tentakel weg und näher auf die Bestie zu. Alles ging in Bruchteilen von Sekunden vor sich und trotzdem streckten sie sich in Deans Erinnerung zu endlosen Ewigkeiten. Hunts-with-laughter sprang hoch, ließ die Klaive in einem Bogen aus silbernem Licht um sich kreisen und schlug sie der Kreatur mit einem wilden Schrei tief in die Brust hinein. Das Ding kreischte auf, begann ziellos und wild um sich zu schlagen. Hunts-with-laughter sprang zurück, doch zu spät. Einer der riesigen Dornen traf ihn mit einem mächtigen Schlag in den Rücken, einen Moment, bevor die Bestie leblos in sich zusammenfiel….
Hunts-with-laughter stand dort, bewegungslos. Ein fast ungläubiger Ausdruck zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Sein Blick traf den von Dean. Starr vor Schrecken blickte Dean auf seinen Gefährten. Dunkle Flecke begannen sich auf dem Brustfell des Galliards abzuzeichnen. Ein dünnes Rinnsal Blut erschien auf den Lippen des Garou, als seine Beine zu zittern begannen. Endlich befreit von dem lähmenden Schrecken rannte Dean auf ihn zu, konnte Hunts-with-laughter gerade noch auffangen, als seine Beine nachgaben und er stürzte. Nur einen Moment später starb er in Deans Armen. Langsam füllten sich Deans Augen mit den Tränen, die er seit Laughters Tod nicht hatte weinen können. Endlich zerbrach das bleierne Band, das sich seit jenem Moment um seine Brust gelegt hatte und der Schmerz um seinen verlorenen Rudelbruder, der fast in der Lethargie der Hoffnungslosigkeit untergegangen wäre, brach sich Bahnen. Dean schlug die Hände vors Gesicht, fiel nach vorn auf seine Knie. Ein bitteres Brennen rann seine Kehle hinauf und einen Moment später verließ ein klagendes Heulen die Kehle des roten Wolfes, zu dem er wurde. Die einsame Stimme klang lang und klar in den Schluchten und Hängen wieder. Schließlich verstummte Dean. Ein tiefes Seufzen verließ seine Brust. Der Schmerz war immer noch präsent, aber es war ihm, als wäre das zentnerschwere Gewicht von seinen Schultern genommen. Als könnte er endlich wieder in die Zukunft blicken ohne zu verzweifeln. Noch einmal schloss er die Augen. Nein, er war nicht der einzige, der jemanden verloren hatte. Und er war nicht der einzige, der Hunts-with-Laughter einen Bruder genannt hatte. Es wurde Zeit, dass er sich endlich zusammenriss und sich nicht wie ein Welpe vor der Welt versteckte. Dean erhob den Kopf. Die dunklen Wolken hatten sich gelichtet und waren jetzt in das gelb-rote Licht der Abendsonne getaucht. Ein Windhauch ging durch die Bäume und ließ einen Tanz aus herbstlich glitzernden Blättern über den Himmel ziehen. Nein, er würde sich nicht besiegen lassen. Noch nicht! Nicht solange noch Hoffnung für Gaia bestand. Dean sprang auf und begann in schnellen Sätzen in Richtung des Caerns zu laufen. Heute Nacht würde er endlich wieder an dem Platz sein zu dem er gehörte. Bei seinem Rudel. Und er würde die Geschichte seines Bruders erzählen, um ihm endlich die Ehre zu geben, die er verdiente. Die Geschichte von Hunts-with-laughter, Galliard der Fianna.

