Rush Hour
Die U-Bahn war hoffnungslos überfüllt, wie jeden Tag um diese Zeit. Überall Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen, Menschen die versuchten ihr Leben zu leben. Es stank nach Schweiß, billigem Deodorant und Zigarettenqualm, stickig und laut. Ich konnte diese engen überfüllten Zugabteile noch nie leiden, doch der Mann am Telefon klang ziemlich ernst. Ich kannte ihn nicht, aber er schien mich zu kennen. Genau das beunruhigte mich. Er hatte mich zu einem Treffpunkt bestellt, innerhalb der Stadt. Er meinte er hätte Informationen, die mich interessieren könnten, doch das Telefon sei 'nicht sicher genug'. Paranoider Spinner!
Normalerweise wäre ich niemals auf so ein Treffen eingegangen, doch die Ereignisse in letzter Zeit ließen mich zweifeln. Ich musste einfach mehr darüber wissen und der paranoide Anrufer war meine einzige Spur. Inzwischen war ich bereit, gewisse Risiken einzugehen. Ich tastete nach meiner Waffe.
Der Zug hielt an, das war meine Station. Ich wartete schon am Ausgang um dem Gedränge beim Aussteigen zuvor zu kommen aber vor mir stand ein Mann: Klein, fettige Haare, blaues Oberhemd mit einer geschmacklosen Kornblumen-Krawatte. 'Gewöhnlich', dachte ich mir, doch plötzlich drehte er sich zu mir um und lächelte mich müde an. Er wirkte alt, viel älter als ich erwartet hätte. Irgendetwas stimmte nicht, seine Augen waren ausdruckslos. Leer und müde… Ich kannte diese Augen!
„Wie ist es, wenn man sti…?“ Das Warnsignal verschluckte seine Stimme, die Tür schob sich auf und er drehte sich zum Bahnsteig um. Plötzlich hörte ich das durchdringende, metallische Geräusch einer durchladenden Automatik! Dann ging alles viel zu schnell!
Er drückte ab, wieder und wieder. Der Straßenverkäufer, er zuckte zusammen und der Inhalt des Bauchladens verteilte sich scheppernd über den harten Fliesenboden. Schreie drangen an mein Ohr. Die junge Frau, die sich schützend über ihr Kind beugte. Zwei Kugeln trafen sie in den Rücken und ließen sie über ihrem Sohn zusammenbrechen. Ein Mann mit Aktenkoffer wurde an der Schulter getroffen und herum gerissen. Der zweite Schuss zerfetzte seinen Brustkorb und spritzte das Blut an die mindgrünen Fliesen der Tunnelwand. Noch ein Schuss. Noch einer. Mit tödlicher Präzision. Ein anderer hielt sich das klaffende Loch in seinem Bauch und sank zusammen. Entsetzt starrte er in meine Richtung. Ich konnte nicht reagieren, alles ging viel zu schnell. Zu schnell…
Dann war es still. Die Schreie der Menschen klangen Kimometer weit entfernt. Nur der letzte Schuss hämmerte in meinem Trommelfell und riss mich aus der Starre. Warmes Blut bedeckte mein Gesicht, spritzte in meine Augen. Alles war rot. Der Mann sank in sich zusammen, fiel aus dem Zug und klatschte auf die Fliesen am Bahnsteig. Bewegungslos, die Waffe noch in seiner Hand.
Dickflüssiges Blut breitete sich unter seinem zersprengten Kopf aus und floss träge in die Fugen des Fliesenbodens. Mir wurde schwarz vor Augen und es brannte. Tief in mir. Es war vorbei…
(Bildquelle: www.criticaleye.org)

