Geistesstörungen
Akute psychotische Störung
Es kommt nicht häufig vor, bringt den Betroffenen dann aber in große Unannehmlichkeiten, wenn nicht gar (Selbsttötungs-) Gefahr und hinterlässt eine überraschte, irritierte oder schockierte Umgebung. Die Rede ist von einer akuten psychotischen Störung oder auch kurzen reaktiven Psychose, also von einer zwar nur kurz dauernden, dafür aber meist plötzlich ausbrechenden Geisteskrankheit.
Kennzeichnend für eine akute psychotische Störung ist - wie der Name sagt - der plötzliche Beginn des Leidens. Innerhalb von zwei Wochen oder weniger, manchmal sogar innerhalb weniger Stunden wird ein bis dahin unauffälliger Mensch psychotisch, d.h. geisteskrank. so abrupt und heftig aus, dass nicht nur Partner und engere Familie, sondern auch Nachbarschaft, Freundeskreis, Arbeitskollegen u.a. regelrecht aufgeschreckt werden. Die Folgen kann man sich denken.
Die Symptome (Krankheitszeichen) entsprechen im Wesentlichen denjenigen einer „echten“ schizophrenen Psychose, so wie man sie sich auch in der Allgemeinheit vorstellt: Halluzinationen, also Trugwahrnehmungen oder Sinnestäuschungen (meist akustischer Art, also z.B. Stimmen, aber auch Geruchs-, Geschmacks-, Tast- und optische (Gesichts-) Halluzinationen), ferner Wahnphänomene in jeglicher Form und eine damit meist verbundene auffällige Sprechweise, wenn nicht ein allseits Verwirrung auslösendes Verhalten (bzw. Fehl-Verhalten, wie die ahnungslose Umgebung meint).
Nicht selten beginnt es mit Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit, Unsicherheit, Ratlosigkeit, mit sozialem Rückzug und bisweilen auch unverständlichen Reaktionen.
Wenn dann Wahnphänomene und Wahrnehmungsstörungen schließlich allseits sichtbar „durchschlagen“, dann sehr unterschiedlich ausgeprägt und - wie erwähnt - häufig von Tag zu Tag, wenn nicht gar von Stunde zu Stunde wechselnd. Einzelheiten über das meist zu erwartende Beschwerdebild im Allgemeinen sowie Halluzinationen und den Wahn im Speziellen.
Neben diesem psychotischen Krankheitsbild belasten auch so genannte affektive, also depressive oder hochgestimmte Gemütsstörungen. Das kann sich nur leicht andeuten, kann aber auch sehr ausgeprägt und vor allem rasch wechselnd beeinträchtigen: herabgestimmt, resigniert, schwermütig, aber auch heiter, vergnügt, redselig bis zu einem meist kurzen Glückseligkeitsgefühl, wenn nicht bis zur Ekstase (rauschhafter Zustand der Verzückung). Außerdem wirken viele Patienten innerlich unruhig, gespannt, aufgewühlt, „wie vor den Kopf gestoßen“, ja verwirrt, überwältigt und hilflos, wenn nicht gar aus lauter Angst und Panik reizbar und aggressiv. Und damit auch regelrecht geistig absorbiert, d.h. merk- und konzentrationsschwach, unaufmerksam, hin- und hergerissen, ungewöhnlich vergesslich u.a.
Charakteristisch sind also vor allem der akute, ja abrupte Beginn von „gesund“, zumindest unauffällig, bis zu ersichtlich „nervenkrank“, ferner der rasche Wechsel verschiedener Symptome, teils psychotisch (z.B. Sinnestäuschungen, Wahn), teils gemütsmäßig (angetrieben, depressiv, ängstlich). Aber auch der wenigstens erfreulich rasche Rückgang dieses Krankheitsbildes und das Glück, dass nichts zurückbleibt.
Stresssyndrom
Akut / Posttraumatisch
Diese Störung wird ausgelöst durch ein Ereignis, bei der eine Person von einem extremen traumatischen Stressor betroffen ist und die beiden folgenden Bedingungen gewährleistet sein müssen:
- Die Person erfährt direkt ein oder mehrere Ereignisse, die tatsächlichen oder befürchteten Tod, Verletzungen oder die Bedrohung der physischen Integrität einer anderen Person beinhalten oder eine Person erfährt einen unerwarteten oder gewalttätigen Tod, ernsthafte Schäden oder eine Bedrohung durch Tod oder Verletzung bei einem Familienmitglied oder einem anderen Nahestehenden.
- Die Reaktion der Person auf das Ereignis muss mit intensiver Angst, Hilflosigkeit und Horror einhergehen. (Beachte: Bei Kindern muss die Reaktion verwirrtes oder aufgeregtes Verhalten beinhalten.)
Die diagnostischen Kriterien werden in fünf Punkten definiert:
A. Die Betroffenen sind einem kurz- oder lang anhaltenden Ereignis oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das nahezu bei jedem tief greifende Verletzungen auslösen würde.
B. Anhaltende Erinnerungen oder Wiedererleben der Belastung durch aufdringliche Nachhallerinnerungen (Flash-backs), lebendige Erinnerungen, sich wiederholende Träume oder durch innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ähneln oder mit ihr in Zusammenhang stehen.
C. Umstände, die der Belastung ähneln oder mit ihr im Zusammenhang stehen, werden tatsächlich oder möglichst vermieden. Dieses Verhalten bestand nicht vor dem belastenden Ereignis.
D. Entweder 1. oder 2.
- Teilweise oder unvollständige Unfähigkeit, einige wichtige Aspekte der Belastung zu erinnern.
- Anhaltende Symptome einer erhöhten psychischen Sensitivität und Erregung ( nicht vorhanden vor der Belastung) mit zwei der folgenden Merkmale.
a) Ein- und Durchschlafstörungen
b) Reizbarkeit und Wutausbrüche
c) Konzentrationsschwierigkeiten
d) Hypervigilanz
e) erhöhte Schreckhaftigkeit
E. Die Kriterien B., C. und D. treten innerhalb von sechs Monaten nach dem Belastungsereignis oder nach dem Ende einer Belastungsperiode ein.
Anpassungsstörung
Jede Situation, jedes Ereignis im Leben muss von Körper und Geist verarbeitet werden. Wer kennt nicht die „Anlaufschwierigkeiten“ nach einem Umzug in eine neue Stadt oder den Liebeskummer, wenn eine Beziehung in die Brüche geht. Ein typisches Beispiel ist auch die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen. Menschen und Kainskinder können in einer solchen Situation psychisch so stark belastet sein, dass sich eine Anpassungsstörung entwickelt.
Eine Anpassungsstörung ist ein „subjektives Leiden und eine emotionale Beeinträchtigung mit Einschränkung der sozialen Funktionen und Leistungen nach entscheidenden Lebensveränderungen (z.B. Emigration) oder belastenden Ereignissen (z.B. Todesfall, Trennung). Die Störung beginnt meistens innerhalb eines Monats nach dem belastenden Ereignis und hält selten länger als 6 Monate an.
Besonders gefährdet durch eine Anpassungsstörung sind Menschen, die eine besondere Verletzbarkeit besitzen. Dazu gehören insbesondere Menschen mit geringem Selbstbewusstsein und Persönlichkeiten, die leicht Abhängigkeiten entwickeln. Das bedeutet aber nicht, dass nur solche Menschen von Anpassungsstörungen betroffen sein können. Auch andere Persönlichkeiten können eine Anpassungsstörung entwickeln.
Die häufigsten Symptome sind depressive Verstimmungen , Angst oder Ängstlichkeit, Probleme bei der Bewältigung der täglichen Aufgaben. Häufig besteht die Besorgnis, die Zukunft nicht mehr bewältigen zu können. Jugendliche sind in ihrem Verhalten häufig gereizt bis aggressiv. Bei Kindern kann es zu einem erneuten Auftreten von Daumenlutschen, Bettnässen und Babysprache kommen. Solche Verhaltensweisen bei Kindern sind z. B. häufig nach der Scheidung der Eltern anzutreffen. Bei Anpassungsstörungen können Selbstmordgedanken entstehen.
Depersonalisationesstörung
Die Hauptmerkmale der Depersonalisationsstörung sind andauernde oder immer wiederkehrende Episoden von Depersonalisation, charakterisiert durch ein Gefühl des Losgelöstseins oder der Entfremdung vom eigenen Selbst.
Die Person kann sich wie ein Roboter fühlen oder als ob sie in einem Traum oder in einem Film leben würde. Möglicherweise empfindet die Person so, als wäre sie ein außenstehender Beobachter der eigenen geistigen Prozesse, des eigenen Körpers oder einzelner Körperteile. Verschiedene Arten von sensorischer Unempfindlichkeit, Mangel an emotionalen Reaktionen und das Gefühl, das eigene Handeln einschließlich der Sprache nicht völlig beherrschen zu können, sind häufig vorhanden. Personen mit einer Depersonalisationsstörung halten eine intakte Realitätsprüfung aufrecht (z. B. das Bewusstsein darüber, dass es sich nur um ein Gefühl handelt und dass sie nicht wirklich ein Roboter sind) .
Depersonalisation ist eine häufige Erfahrung, und die Diagnose sollte nur gestellt werden, wenn die Symptome schwer genug sind, um in bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in verschiedenen Funktionsbereichen zu verursachen.
Da Depersonalisation ein häufiges Merkmal bei vielen anderen psychischen Störungen ist, sollte die eigenständige Diagnose einer Depersonalisationsstörung nicht gestellt werden, wenn diese ausschließlich im Verlauf einer anderen psychischen Störung auftritt (z. B. Schizophrenie, Panikstörung, Akute Belastungsstörung oder eine andere dissoziative Störung). Die Störung geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurück
Dissoziative Amnesie
Das Hauptmerkmal der Dissoziativen Amnesie ist die Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, die zumeist traumatischer oder belastender Natur sind; diese ist zu umfassend, um durch gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt zu werden.
Die Störung umfasst eine reversible Beeinträchtigung des Gedächtnisses, bei der Erinnerungen an persönliche Erfahrungen nicht in eine verbale Form gebracht werden können (oder, wenn dies teilweise möglich ist, können sie nicht vollständig im Bewusstsein festgehalten werden). Die Störung tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Dissoziativen Identitätsstörung, Dissoziativen Fugue, Posttraumatischen Belastungsstörung, Akuten Belastungsstörung oder Somatisierungsstörung auf und geht nicht zurück auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz oder eines neurologischen oder anderen medizinischen Krankheitsfaktors.
Die Symptome müssen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen.
Die Dissoziative Amnesie äußert sich zumeist als eine rückblickend berichtete Lücke oder eine Anzahl von Lücken in der Erinnerung an Aspekte der persönlichen Lebensgeschichte. Diese Lücken stehen zumeist in Verbindung mit traumatischen oder extrem belastenden Ereignissen. Manche Personen können eine Amnesie für Episoden von Selbstverletzung, gewalttätigen Ausbrüchen oder für Suizidversuche entwickeln. Dass sich die Dissoziative Amnesie als eine floride Episode mit plötzlichem Beginn äußert, ist weniger häufig. Diese akute Form gibt es wahrscheinlicher in Kriegszeiten oder als Antwort auf eine Naturkatastrophe. Verschiedene Formen von Gedächtnisstörungen werden bei der dissoziativen Amnesie beschrieben. Bei der Lokalisierten Amnesie kann die Person sich nicht mehr an Ereignisse während eines umschriebenen Zeitabschnittes erinnern, gewöhnlich an die ersten Stunden nach einem höchst belastenden Ereignis (z. B. kann es sein, dass der unverletzt Überlebende eines Autounfalls, bei dem ein Familienmitglied getötet wurde, nicht in der Lage ist, sich an irgend etwas zu erinnern, was vom Zeitpunkt des Unfalls bis zwei Tage danach geschah). Bei der selektiven Amnesie kann sich die Person an einige, aber nicht an alle Ereignisse während eines umschriebenen Zeitabschnittes erinnern (z.B. kann ein Kriegsveteran sich nur an einige Teile einer Reihe gewalttätiger Gefechtsereignisse erinnern). Drei andere Formen der Amnesie - generalisiert, kontinuierlich und systematisiert - sind eher selten. Bei der generalisierten Amnesie umfasst die Unfähigkeit, sich zu erinnern, das gesamte Leben der Person. Betroffene mit dieser seltenen Störung werden gewöhnlich der Polizei, Notfallambulanzen oder dem Konsiliardienst von städtischen Krankenhäusern vorgestellt. Die kontinuierliche Amnesie ist definiert durch die Unfähigkeit, sich an Ereignisse von einem bestimmten Zeitpunkt an bis in die Gegenwart hinein zu erinnern. Bei der systematisierten Amnesie kommt es zu einem Verlust des Gedächtnisses für bestimmte Kategorien von Informationen, wie beispielsweise alle Erinnerungen an die eigene Familie oder an eine bestimmte Person. Betroffene, welche die drei letztgenannten Formen der Amnesie aufweisen, werden letzten Endes häufig doch die Diagnose einer komplexeren Form von Dissoziativen Störungen erhalten (z. B. eine Dissoziative Identitätsstörung).
Dissoziative Fugue
Das Hauptmerkmal der Dissoziative Fugue ist ein plötzliches, unerwartetes Weggehen von zu Hause oder vom gewohnten Arbeitsplatz, verbunden mit der Unfähigkeit, sich an seine gesamte oder an Teile der Vergangenheit zu erinnern.
Dies ist mit Verwirrung über die eigene Identität oder mit der Annahme einer neuen Identität verbunden.
Die Störung tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Dissoziativen Identitätsstörung auf und geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurück.
Die Symptome müssen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen.
Das Weggehen kann von kurzen Ausflügen von nicht zu langer zeitlicher Dauer (d.h. Stunden oder Tage) reichen, bis zu weitreichenden, in der Regel unauffälligen Wanderungen über eine lange Zeitspanne (z. B. Wochen oder Monate), wobei einige Personen zahlreiche nationale Grenzen überschreiten und Tausende von Meilen reisen. Während einer Fugue erscheinen die Personen in der Regel psychopathologisch unauffällig und erregen keine Aufmerksamkeit. Klinisch auffällig werden sie dann gewöhnlich ab einem gewissen Punkt aufgrund der Amnesie für frühere Ereignisse oder eines Mangels an Bewusstheit für die eigene Identität. Kehrt die Person zu dem Zustand vor der Fugue zurück, so kann es zu einem Gedächtnisverlust für die Ereignisse während der Fugue kommen.
Meist kommt es bei der Fugue nicht zur Herausbildung einer neuen Identität. Wird jedoch eine solche angenommen, so ist sie gewöhnlich durch geselligere und weniger zurückhaltende Züge als die frühere Identität gekennzeichnet. Die Person kann einen neuen Namen annehmen, eine neue Wohnung beziehen und sich in komplexen sozialen Aktivitäten engagieren und gut integriert sein, so daß das Vorhandensein einer psychischen Störung nicht zu vermuten ist.
Nach der Rückkehr zu dem Zustand vor der Fugue kann eine Amnesie für traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit der Person beobachtet werden (z. B. nach Beendigung einer langen Fugue weist ein Soldat eine Amnesie für seit Jahren zurückliegende Kriegserlebnisse auf, bei denen sein bester Freund getötet wurde). Es kann zu Depression, Dysphorie, Trauer, Scham, Schuldgefühlen, psychischer Belastung, Konflikten sowie suizidalen und aggressiven Impulsen kommen. Die Person kann wie beim Ganser-Syndrom annäherungsweise richtige Antworten auf Fragen geben (z.B. 2 plus 2 ergibt 5). Ausmaß und Dauer der Fugue beeinflussen das Ausmaß weiterer Probleme, wie Verlust des Arbeitsplatzes oder schwerwiegende Auseinandersetzungen im persönlichen oder familiären Bereich. Personen mit einer Dissoziativen Fugue können eine Affektive Störung, eine Posttraumatische Belastungsstörung oder eine Störung im Zusammenhang mit Psychotropen Substanzen aufweisen.
Exhibitionismus
(lat.), Gewinnung sexueller Befriedigung durch zwanghaftes Zeigen von Geschlechtsteilen in der Öffentlichkeit.
Exhibitionistische Handlungen sind strafbar und kommen fast nur bei sozialethisch verwirrten Männern vor. Als Exhibitionismus wird auch die Offenbarung intimer Einzelheiten zur Gewinnung von Aufmerksamkeit bezeichnet.
Fetischismus
Fetischismus ist die sexuelle Erregung und Befriedigung durch Ersatzobjekte. Aus sexualmedizinischer Sicht zählt er zu den so genannten sexuellen Variationen, die man einteilen kann in ungewöhnliche (abnorme) Sexualobjekte (zu denen der Fetischismus zählt) und ungewöhnliche (abnorme) Sexualpraktiken (z. B. Exhibitionismus, Sadismus, Frotteurismus). Meist bei Männern als heterosexueller oder homosexueller Fetischismus. Fetischistische Tendenzen können sich auch bei gehemmten Jugendlichen und Männern zu Beginn ihrer sexuellen Aktivitäten zeigen. Gelegentlich hat der Fetischismus auch forensische Bedeutung (Diebstähle, sehr selten Überfälle, Raub usw.).
In weniger dominierender Ausprägung kann der Fetischismus auch in die übliche partnerschaftliche Sexualität eingebaut werden, z. B. wenn der Fetisch direkt oder indirekt zur Person des Partners gehört („normales“ Fetischisieren).
Am häufigsten ist ein unbelebtes Fetisch-Objekt, meist ein Bekleidungsstück (Kleiderfetischismus: Wäsche, Strümpfe, Schuhe, Kleider, Schürzen, Stiefel, Regenmäntel, Handschuhe, Uniformen usw.). Aber auch andere Gegenstände wie Brillen, Taschentücher, Schmuck, Haarbürsten, Sicherheitsnadeln, Schnuller, Peitschen, Hosen. Nicht selten auch einzelne Körperteile (Haare, Fuß, Hand) und sogar Kunstglieder (Prothesen) sowie Perücken. Letztlich ist jeder Gegenstand möglich, sogar Haus- oder Fahrzeugteile usw.
Oft existieren spezifische Anforderungen. Daraus resultieren verschiedene Unterteilungen des Fetischmismus. So gibt es „harte“ und „weiche“ Materialfetischisten. Harte Fetisch-Gegenstände sind beispielsweise aus Leder oder Gummi, weiche sind zart, gerüscht oder flaumig wie Reizwäsche, Pelze, Seidentücher u. a. Darüber hinaus müssen Kleider beispielsweise nass oder aufgeschlitzt, die Schuhe hoch glänzend oder matt, weich oder knarrend sein. Oft handelt es sich um eng einschnürende Bekleidungsstücke oder Schuhe. Auch gibt es sogenannte „negative“ Fetischisten, die von einem nicht mehr vorhandenen Glied (s. o.) angezogen werden, bis hin zur sexuellen Erregung durch Verkrüppelung oder Amputation.
Am häufigsten finden sich Leder-, Gummi- und Pelzfetischisten. Kleider sind besonders wichtig, und zwar weil sie
- direkt mit dem Körper in Verbindung gebracht werden, was besonders jene Kleidungsstücke beliebt macht, die Formen und Teile des Körpers unterstützend abgrenzen (z. B. Büstenhalter, Strümpfe) und
- weil es künstliche Objekte sind, die versetzt, gehortet und von einer Person an die andere weitergegeben werden können.
Interessant ist aber nicht nur der Symbolgehalt bzw. die erotische Botschaft des Materials, sondern auch die Farbe (meist schwarz, das z. B. auf hellhäutigem Fleisch den stärksten Kontrast bildet).
Frotteurismus
Ein Frotteur (von franz:se frotter = sich reiben) ist ein Mensch, der dadurch sexuell stimuliert wird, dass er sich an anderen Menschen reibt. Der Begriff wird häufig in der Weise eines „anonymen und diskreten Reiben an öffentlichen Orten“ gebraucht, wie zum Beispiel in einer überfüllten U-Bahn. Dies ist jedoch nicht zwingend.
Frotteurismus wird als Form des Safer Sex praktiziert, zum Teil aber auch als Perversion abgelehnt.
Generallisierte Angst
Allgemeine Angstzustände (Fachbegriff: generalisierte Angststörungen) sind gekennzeichnet durch anhaltende, länger dauernde oder gar ausgeprägte Befürchtungen oder Sorgen um einen oder mehrere Lebensbereiche:
z. B. Partnerschaft, Familie, Arbeit, Finanzen. Gelegentlich findet sich auch keine konkret benennbare Ursache. Diese Angstzustände quälen durch zusätzliche seelische und körperliche Beschwerden und - im Laufe der Zeit - auch entsprechenden Folgen:
- Ständige Ängstlichkeit, Sorgenbereitschaft, Befürchtungen jeglicher Art ohne ausreichenden Grund.
- Merk- und Konzentrationsstörungen
- Gefühl der Benommenheit
- Nervös, fahrig, „ständig auf dem Sprung“, ungeduldig, reizbar, gelegentlich überwach („überdreht“), schreckhaft.
- Rasch ablenkbar, unfähig, sich zu entspannen, schnell aufgeregt, sprunghaft.
- Innerlich unruhig, zitternd, bebend, angespannt.
- Schweißneigung, kalte und feuchte Hände oder diffuses Schwitzen, Mundtrockenheit, Kloß im Hals (Würgegefühl), rasches Erröten, Blässe, Lidzucken, Hitzewallungen und Kälteschauer, Unbehagen in der Magengrube, empfindlicher Magen, Durchfallneigung, Zittern, Muskelschmerzen, schneller Puls, Herzklopfen, Herzrasen, vermehrte und verstärkte Atemzüge, unklare Missempfindungen am ganzen Körper usw.
Der Verlauf ist langwierig und wechselnd. Bei ständiger Rückfallgefahr droht schließlich eine Langzeiterkrankung (so genannte Chronifizierung). Eine generalisierte Angststörung ist dennoch gut zu behandeln. Mit Medikamenten und Psychotherapie kann in der Regel eine Rückfallgefährdung stark minimiert werden.
Mit folgenden Fragen kann man das anfangs meist unklare Beschwerdebild einigermaßen eingrenzen. Dieser Selbsttest ist entnommen aus dem „Therapie-Ratgeber“ von Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittichen. Die Diagnose kann nur von einem Diplompsychologen, Psychotherapeuten oder Nervenarzt gestellt werden. Der Test ist eine Hilfe. Wenn Sie viele Fragen mit „Ja“ beantworten können, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.
- Leiden Sie schon seit vielen Wochen unter immer wiederkehrenden Angstgefühlen, Sorgen oder Befürchtungen?
- Haben Sie oft starke Sorgen und Befürchtungen bezüglich alltäglicher Dinge (Familien- und Privatleben oder Berufsleben, Arbeitsplatz, Finanzen) oder bezüglich Ihrer psychischen Gesundheit oder körperlichen Erkrankung?
- Seit Sie Ihre Angstgefühle, Sorgen und Befürchtungen haben, leiden Sie da oft unter mehreren der folgenden Probleme:
- Ruhelosigkeit und Nervosität?
- Schreckhaftigkeit und dem Gefühl, ständig auf dem Sprung zu sein?
- Erschöpftheit und leichte Ermüdbarkeit?
- Hitzegefühle, Kälteschauer oder Kribbelgefühle?
- Muskelverspannungen und seelische Anspannung?
- Unruhe und Reizbarkeit?
- Konzentrationsschwierigkeiten?
- Einschlafschwierigkeiten wegen Sorgen?
- Belasten Sie diese Beschwerden und beeinträchtigen Sie diese Sorgen und Ängste stark bei Ihren alltäglichen Aktivitäten?
- Fühlen Sie sich diesen Gefühlen ausgeliefert und können Sie die Sorgen und Ängste nicht mehr kontrollieren?
Intermittierende Explosible Störung
„Die häufigste Gründe, die uns zu Ohren kommen, warum Leute zur Therapie gehen, sind folgende: sie fühlen sich traurig, haben Angst, ihre Ehe bricht auseinander, oder sie haben ihren Arbeitsplatz verloren und brauchen einige Woche Ruhe. Doch nur selten vertraut uns ein Freund oder ein Familienangehöriger an, dass er zur Therapie geht, weil er übermäßig wütend ist. … Wenn also Leute in die Therapie kommen, um Hilfe wegen Wut zu suchen, geschieht dies häufig deshalb, weil jemand anders in ihrem Leben, meist ein darunter leidender Partner, sie hingeschickt hat. Damit kommen wir gleich zum entscheidenden Punkt der Schwierigkeit, Wut als ein hirnbedingtes Problem zu beschreiben, das als solches Aufmerksamkeit verdient: zwar freut sich keiner von uns darüber, Objekt der Wut eines anderen zu sein, doch die meisten von uns mögen, ja schätzen gar die eigenen Wutgedanken und Wutgefühle.“
Der Begriff der Wutstörung ist nicht gut, da Wut zunächst einmal ein Gefühl ist und nichts macht.
Die Menschen bekommen keine Probleme, weil sie Wutgedanken haben oder Wut fühlen, sie bekommen Probleme, wenn sie ihre Wut ausleben, und das heißt dann nicht mehr Wut, sondern aggressiv handeln, Aggression ausleben, aggressiv agieren. Das ist etwas anderes als Wut. Sinnvollerweise unterscheidet man Gefühl, Gedanke, Motiv und Handlung. Entscheidend im Sozialleben ist die Handlung und nicht das Gefühl, der Gedanke oder das Motiv. Daher lautet die entsprechende Bezeichnung auch nicht Intermittierende Wutstörung, sondern trefflicher „Intermittierende Explosible Störung“.
Die folgenden Kriterien müssen gegeben sein, um von einer solchen Erkrankung zu sprechen:
- Kriterium A „Mehrere umschriebene Episoden des Versagens, aggressiven Impulsen zu widerstehen, die zu schweren Gewalttätigkeiten oder zur Zerstörung von Eigentum führen können.
- Kriterium B „Das Ausmaß der Aggressivität, das während der Episode gezeigt wird, steht in grobem Missverhältnis zu irgendeinem auslösenden psychosozialen Belastungsfaktor.“
- Kriterium C „Die aggressiven Episoden können nicht besser durch eine andere psychische Störung erklärt werden (z. B. Antisoziale oder Borderline Persönlichkeitsstörung, eine Psychotische Störung, eine Manische Episode, Störung des Sozialverhaltens oder Aufmerksamkeits-/ Hyperaktivitaetsstörung) und gehen nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z. B. Droge, Medikament) oder eines medizinischen Krankheitsfaktors (z. B. Kopfverletzung, Alzheimersche Krankheit) zurück.“
Kleptomanie
Die Kleptomanie ist eine psychische Störung, die charakterisiert ist durch häufiges Nachgeben gegenüber Impulsen, Dinge zu stehlen, die nicht zum persönlichen Gebrauch oder der Bereicherung dienen. Die Gegenstände werden häufig weggeworfen, weggegeben oder gehortet. Die Kleptomanie ist unabhängig von Einkommen und Bildungsgrad.
Manisch - depressive Störung
Bei ein- und demselben Patienten wechseln sich häufig manische und depressive Zustände ab. Dies ist das typische Erscheinungsbild der manisch-depressiven Störung. Diese zählt zu einer der beiden häufigsten Formen der Psychose. Der Gemütszustand des Patienten pendelt zwischen der Depression auf der einen und der Manie auf der anderen Seite hin und her. Die Dauer der manischen und der depressiven Phasen kann variieren. In der Regel halten die depressiven Phasen länger an als die manischen (obwohl die manischen Phasen genauso gut zwei Stunden oder zwei Jahre andauern können). Depressive Phasen können sich ohne Behandlung durchaus über ein Jahr oder einen noch längeren Zeitraum erstrecken, und viele Patienten leiden unter häufigen vorübergehenden Depressionen und fühlen sich in den Phasen dazwischen völlig normal, wobei manische Schübe selten sind. Dagegen durchlaufen andere Patienten häufiger manische als depressive Phasen. Doch es gibt auch Patienten, bei denen manische und depressive Episoden immer eine bestimmte Anzahl von Tagen dauern und in einer absoluten Regelmäßigkeit aufeinander folgen.
Unter der manisch-depressiven Störung leiden ungefähr zwei bis drei Prozent der Bevölkerung (das ist zwei- bis dreimal so häufig, wie die Auftretenshäufigkeit der schweren Form der Schizophrenie).
Merkmal der manischen Phasen ist, dass der Patient im Gegensatz zu der depressiven Phase, in der er sich vor der äußeren Welt zurückzieht und motorisch gehemmt ist - als Zeichen seiner inneren Leere, der Erschöpfung und der Hoffnungslosigkeit - in der manischen Phase eine Überaktivität, extreme Redseligkeit, Ideenflucht, lockere Heiterkeit, Unbekümmertheit und Vernachlässigung sozialer Normen, sowie eine subjektive Gewissheit eigener Größe, Potenz und Macht festzustellen ist.
Multiple Persönlichkeitsstörung
So genannte multiple Persönlichkeiten besitzen zwei oder auch mehr Identitäten, zwischen denen sie häufig unkontrolliert hin- und herwechseln. Hintergrund dieser psychischen Erkrankung, die oft fälschlicherweise mit Schizophrenie gleichgesetzt wird, ist häufig ein traumatisches Erlebnis. Durch den Aufbau einer zweiten Persönlichkeit können die Patienten Abstand vom Erlebten gewinnen ? so, als sei das schreckliche Ereignis nicht ihnen, sondern einem anderen Menschen widerfahren.
Das Erscheinungsbild der Dissoziativen Persönlichkeitsstörung ist sehr vielfältig. Gemeinsames Merkmal der verschiedenen Erscheinungsformen ist, dass zwei oder mehr (manchmal bis zu 100) voneinander unterscheidbare Identitäten oder Persönlichkeitszustände in einer Person existieren. Von diesen übernehmen mindestens zwei wiederholt die Kontrolle über das Verhalten. Die Person, die den Großteil des normalen Alltags bestreitet, wird als „Host“ (englisch: Gastgeber), die Teilpersönlichkeiten als „Alters“ (abgeleitet von englisch: alternate, sinngemäß: anders, verändert) bezeichnet. Bei allen Betroffenen treten Gedächtnislücken auf. Der Host ist sich der anderen Persönlichkeitszustände nur teilweise bewusst, so dass er sich auch nicht an deren Handlungen erinnert. Viele Betroffene berichten, dass sie manchmal nicht wissen, wie sie an den Ort gekommen sind, an dem sie sich befinden; wer die Person ist, die sie eben gegrüßt hat oder wer den Einkaufszettel auf ihrem Tisch geschrieben hat. Die verschiedenen Identitäten unterscheiden sich meist deutlich: Sie haben verschiedene Namen, unterschiedliche Vorlieben und Verhaltensweisen Es zeigen sich auch physiologische Unterschiede, so kann z.B. eine Teilpersönlichkeit allergisch auf eine Substanz reagieren, die andere aber nicht. Die Charaktereigenschaften des so genannten Alters stehen häufig im Gegensatz zur primären Person (dem Host). Das Ausmaß, in dem die verschiedenen Identitäten untereinander kooperieren (d.h. untereinander Zugriff auf die Erinnerungen und Handlungen haben und den Wechsel der Teilpersönlichkeiten koordinieren können), ist bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt.
Im Rahmen der Dissoziativen Identitätsstörung treten häufig eine Reihe von Begleitsymptomen auf:
- Depressionen
- Erinnerungsbilder von traumatischen Erfahrungen („Flashbacks“), die oft durch scheinbar „neutrale“ Reize ausgelöst werden (häufig werden deshalb in Texten zur Dissoziativen Identitätsstörung mögliche Reizwörter durch „*“ maskiert, so z.B. s*xuelle M*sshandlung)
- Ängste
- Selbstverletzendes Verhalten und Suizidversuche
- Aggressionen
- Kopfschmerzen
- Alkohol- oder Drogenmissbrauch
- Essstörungen
- Zwanghaftes Verhalten
- Stimmen (der anderen Teilpersönlichkeiten) hören
Panikattacken
Eine Panikattacke wird oft in folgenden oder ähnlichen Worten geschildert:
Mir wird plötzlich ganz schwindlig und übel. Meine Hände werden taub, im linken Arm entsteht ein eigenartiges Kribbelgefühl, meine Knie werden ganz weich. Ich habe Angst, umzufallen und ohnmächtig zu werden, dann dazuliegen, und niemand kommt mir zu Hilfe. Mein Herz beginnt zu rasen, ich spüre einen Druck auf der Brust und fürchte, dass ich einen Herzinfarkt bekomme und sterben muss. Mir wird ganz heiß, ich bekomme Hitzewallungen, das Blut steigt von unten nach oben. Ich beginne zu schwitzen, auf einmal überfällt mich ein Kälteschauer am ganzen Körper. Ich beginne zu zittern, am liebsten würde ich davonlaufen, aber ich fühle mich wie gelähmt. Meine Kehle schnürt sich zusammen, dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich ringe um Luft, aber es reicht nicht, ich atme noch mehr und spüre, wie der Druck in meinem Brustkorb ansteigt. Ich bin dann gar nicht mehr richtig da und glaube, gleich überzuschnappen und verrückt zu werden. Alles erscheint so unwirklich. Wenn ich das Ganze überlebe, glaube ich, dass ich in die Psychiatrie komme. Die Panikattacke dauert etwa eine Viertelstunde. Wenn ich in dieser Zeit auf meine beiden kleinen Kinder aufpassen muss, denke ich, wer wird sich um die Kinder kümmern, wenn mir etwas passiert. Wenn mein Mann in der Nähe ist, beruhige ich mich schneller, als wenn ich allein bin. Das Erlebnis einer Panikattacke ist so belastend, dass ich manchmal noch immer nicht sicher bin, ob ich nicht doch eine körperliche Erkrankung habe, deren Ursache die Ärzte bisher nicht gefunden haben.?
Eine Panikattacke ist eine abgrenzbare Periode intensiver Angst und starken Unbehagens und besteht aus mehreren, plötzlich und unerwartet (?wie aus heiterem Himmel?), scheinbar ohne Ursachen in objektiv ungefährlichen Situationen auftretenden somatischen und kognitiven Symptomen von subjektiv oft lebensbedrohlichem Charakter.
Eine Panikattacke als einzelne Episode von intensiver Angst oder Unbehagen beginnt abrupt, d.h. nicht vorhersagbar, erreicht innerhalb von einigen Minuten ein Maximum und dauert mindestens einige Minuten an (nach Forschungsergebnissen durchschnittlich eine knappe halbe Stunde).
Eine Panikstörung besteht aus wiederholten, spontan und unerwartet auftretenden Panikattacken. Die Panikattacken sind nicht auf spezifische Situationen oder besondere Umstände bezogen, stehen in keinem Zusammenhang mit besonderen Anstrengungen, gefährlichen oder lebensbedrohlichen Situationen und sind auch nicht durch eine körperliche oder eine andere psychische Störung bedingt.
Die Furcht vor einer weiteren, sehr bedrohlich und nicht kontrollierbar erscheinenden Panikattacke führt oft zu einer ausgeprägten Erwartungsangst, die das ganze Leben negativ beeinflusst. Als Folge davon entwickelt sich häufig eine ?Platzangst? (Agoraphobie) mit einer massiven Einschränkung des Bewegungsspielraumes.
Bei einer Panikstörung stehen die körperlichen Symptome ? zumindest anfangs ? derart im Vordergrund, dass viele Betroffene nicht den Eindruck haben, unter einer Angststörung, sondern unter einer unbekannten körperlichen Störung zu leiden.
Die Panikstörung ist folgendermaßen definiert:
Es bestehen wiederholte Panikattacken, die nicht auf eine spezifische Situation oder ein spezifisches Objekt bezogen sind und oft spontan auftreten (d.h. die Attacken sind nicht vorhersagbar). Die Panikattacken sind nicht verbunden mit besonderer Anstrengung, gefährlichen oder lebensbedrohlichen Situationen.
Eine Panikattacke hat alle folgenden Charakteristika:
a. es ist eine einzelne Episode von intensiver Angst oder Unbehagen
b. sie beginnt abrupt
c. sie erreicht innerhalb von Minuten ein Maximum und dauert mindestens einige Minuten
d. mindestens vier Symptome der folgenden Liste, davon mindestens eins aus den vegetativen Symptomen:
- Vegetative Symptome:
- Herzrasen, Herzklopfen oder erhöhte Herzfrequenz,
- Schweißausbrüche,
- fein- oder grobschlägiges Zittern (Tremor),
- Mundtrockenheit (nicht als Folge von Medikamenten oder Austrocknung).
- Symptome, die den Brustkorb oder den Bauch betreffen:
- Atembeschwerden,
- Beklemmungsgefühl,
- Schmerzen und Missempfindungen in der Brust,
- Übelkeit oder Missempfindungen im Magen.
- Psychische Symptome:
- Schwindel, Unsicherheit, Schwäche oder Benommenheit,
- Entfremdungsgefühl gegenüber der eigenen Person (Depersonalisation) oder Gefühl der Unwirklichkeit der Umwelt (Derealisation),
- Angst die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden oder ?auszuflippen?,
- Angst zu sterben (die auftretenden Symptome lösen Todesangst aus).
- Allgemeine Symptome:
- Hitzegefühle oder Kälteschauer,
- Gefühllosigkeit oder Kribbelgefühle.
Spezifische Persönlichekeitsstörung
Paranoide Persönlichkeitsstörung:
Diese Persönlichkeitsstörung ist durch übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung, Nachtragen von Kränkungen, durch Misstrauen sowie durch eine Neigung, Erlebtes zu verdrehen, gekennzeichnet, indem neutrale oder freundliche Handlungen anderer als feindlich oder verächtlich missgedeutet werden, ebenso durch wiederkehrende unberechtigte Verdächtigungen hinsichtlich der sexuellen Treue des Ehegatten oder Sexualpartners, schließlich durch streitsüchtiges und beharrliches Bestehen auf eigenen Rechten. Diese Personen können zu überhöhtem Selbstwertgefühl und häufiger, übertriebener Selbstbezogenheit neigen.
Schizoide Persönlichkeitsstörung:
Die Merkmale dieser Persönlichkeitsstörung sind Rückzug von affektiven, sozialen und anderen Kontakten mit übermäßiger Vorliebe für Phantasie, einzelgängerisches Verhalten und in sich gekehrte Zurückhaltung. Es besteht nur ein begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu erleben.
Dissoziale Persönlichkeitsstörung:
Eine Persönlichkeitsstörung, die durch eine Missachtung sozialer Verpflichtungen und herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere gekennzeichnet ist. Zwischen dem Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz. Das Verhalten erscheint durch nachteilige Erlebnisse, einschließlich Bestrafung, nicht änderungsfähig. Es besteht eine geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten, eine Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch das der betreffende Patient in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist.
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung:
Bei dieser Persönlichkeitsstörung besteht die deutliche Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Darüber hinaus ist eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen vorhanden und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden.
Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle, und ein Borderline-Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.
Histrionische Persönlichkeitsstörung:
eine Persönlichkeitsstörung, die sich durch oberflächliche und labile Affektivität, Dramatisierung, einen theatralischen, übertriebenen Ausdruck von Gefühlen, durch Suggestibilität, Egozentrik, Genusssucht, Mangel an Rücksichtnahme, erhöhte Kränkbarkeit und ein dauerndes Verlangen nach Anerkennung, äußeren Reizen und Aufmerksamkeit auszeichnet.
Anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung:
eine Persönlichkeitsstörung, die durch Gefühle von Zweifel, Perfektionismus, übertriebener Gewissenhaftigkeit, ständigen Kontrollen, Halsstarrigkeit, Vorsicht und Starrheit gekennzeichnet ist. Es können beharrliche und unerwünschte Gedanken oder Impulse auftreten, die nicht die Schwere einer Zwangsstörung erreichen.
Ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung:
Gefühle von Anspannung und Besorgtheit, Unsicherheit und Minderwertigkeit machen diese Persönlichkeitsstörung aus. Es besteht eine andauernde Sehnsucht nach Zuneigung und Akzeptanz, eine Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Kritik mit eingeschränkter Beziehungsfähigkeit. Die betreffende Person neigt zur Überbetonung potentieller Gefahren oder Risiken alltäglicher Situationen bis zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten.
Abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung:
Personen mit dieser Persönlichkeitsstörung verlassen sich bei kleineren oder größeren Lebensentscheidungen passiv auf andere Menschen. Die Störung ist ferner durch große Trennungsangst, Gefühle von Hilflosigkeit und Inkompetenz, durch eine Neigung, sich den Wünschen älterer und anderer unterzuordnen, sowie durch ein Versagen gegenüber den Anforderungen des täglichen Lebens gekennzeichnet. Die Kraftlosigkeit kann sich im intellektuellen emotionalen Bereich zeigen; bei Schwierigkeiten besteht die Tendenz, die Verantwortung anderen zuzuschieben.
Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung:
eine andauernde, wenigstens über zwei Jahre bestehende Persönlichkeitsänderung kann einer Belastung katastrophalen Ausmaßes (als Opfer von Terrorismus, andauernder Gefangenschaft mit unmittelbarer Todesgefahr, Folter, Katastrophen, Konzentrationslagererfahrungen) folgen. Die Belastung muss extrem sein, dass die Vulnerabilität der betreffenden Person als Erklärung für die tief greifende Auswirkung auf die Persönlichkeit nicht in Erwägung gezogen werden muss. Die Störung ist durch eine feindliche oder misstrauische Haltung gegenüber der Welt, durch sozialen Rückzug, Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit, ein chronisches Gefühl der Anspannung wie bei ständigem Bedrohtsein und Entfremdungsgefühl, gekennzeichnet. Eine posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) kann dieser Form der Persönlichkeitsänderung vorausgegangen sein.
Spezifische Phobie
Patienten mit spezifischen Phobien haben Angst vor eng umgrenzten Situationen oder umschriebenen Objekten.
Häufig sind:
- Zoophobie: Angst vor Tieren, z.B. vor Spinnen, Hunden, Schlangen, Mäusen
- Klaustrophobie: Angst vor geschlossenen Räumen, z.B. Aufzügen
- Akrophobie: Angst vor Höhe, z.B. vor Brücken, Türmen.
Aber auch Arztbesuche, Blutentnahme oder Injektionen können phobische Angstsituationen sein. Die Phobie vor Blut, Spritzen und Verletzungen kann im Extremfall zu einem Kreislaufkollaps führen.
Die Betroffenen vermeiden meist konsequent die angstauslösenden Situationen bzw. Objekte. Dies beeinträchtigt sie normalerweise auch nicht in ihrer Lebensführung, so dass die Betroffenen die Ängste nicht als behandlungsbedürftige Störung empfinden. Wenn die Phobien jedoch in für den Betroffenen alltagsrelevanten Situationen auftauchen, kann sich ein Leidensdruck entwickeln. Damit steigt die Gefahr, dass die Betroffenen eventuell eine Lösung des Problems in Drogen sehen.
Schizophrenie
1896 prägte Kraepelin den Sammelbegriff „Dementia praecox“ für eine Reihe von psychischen Störungen. Er beschrieb den unaufhaltsamen Verlauf der Krankheit in Schüben und betonte die fortschreitende „Verblödung“ als eines der auffälligsten Merkmale.
Bleuler führte 1911 den Begriff „Schizophrenie“ ein. Für ihn stand die Beobachtung im Vordergrund, „daß Menschen zunehmend zersplittern und zerfahren können. Er sprach daher von >Spaltungsirresein<, was die Übersetzung von >Schizophrenie< ist“ (Dörner/ Plog, 1980, S. 101).
„In psychiatrischen Krankenhäusern stehen die Patienten mit der Diagnose Schizophrenie an zweiter Stelle der Erstaufnahmen mit 20-25%. Gleichzeitig sind mehr als die Hälfte der chronisch hospitalisierten Patienten solche, die ursprünglich die Diagnose Schizophrenie erhalten haben“ (Dörner/ Plog, 1980, S. 116). Durch den Einsatz von Psychopharmaka in der Therapie hat sich die Dauer des Klinikaufenthaltes von schizophrenen Patienten deutlich verkürzt.
Die Häufigkeit einer schizophrenen Störung bei Erwachsenen beträgt 0,25% der Bevölkerung pro Jahr (Zahl von 1980). Durchschnittlich sind circa 0,3% der Bevölkerung wegen der Diagnose Schizophrenie in Behandlung.
Insgesamt verstärken sich die Symptome bei circa 1-2% der Bevölkerung an einem Punkt ihres Lebens so, daß sie sich deswegen in psychiatrische Behandlung begeben müssen. Dies tritt am häufigsten im Alter zwischen 20 und 45 Jahren auf.
Seit 1900 hat sich die Psychiatrie weltweit darauf geeinigt, dass folgende Symptome zu beobachten sein müssen, um den Verdacht auf Schizophrenie zu erhärten:
- Die Grenzen zwischen der eigenen Person und den anderen sind nicht mehr klar. Der Mensch kann nicht mehr genau sagen, wer er ist und hat das Gefühl, von jemand anderem, der in ihm steckt, beeinflusst zu werden. Eigene Gedanken und Gefühle können schwer von den „fremden“ Gedanken abgegrenzt werden, und häufig entsteht der Eindruck, dass die eigenen Gedanken abgezogen werden. Der Patient fühlt sich von außen bedroht und diesen Bedrohungen hilflos ausgeliefert. Eine solche Symptomatik weist auf eine so genannte Ich-Störung hin und auf eine zugrunde liegende Persönlichkeitsstörung (d.h. der Mensch kann sich nicht mehr als Person mit eigener Identität wahrnehmen). Die Störung des sozialen Kontaktes wird auch häufig als Kontaktstörung bezeichnet.
- Es treten Wahrnehmungsstörungen auf. Es werden Dinge als zusammengehörig empfunden, die nicht zusammengehören, und andere Dinge werden als zur eigenen Person zugehörig empfunden, obwohl sie es nicht sind. Auffällig ist auch, daß häufig Wesentliches von Unwesentlichem nicht mehr unterschieden werden kann. Unwesentliche Dinge können eine zentrale Bedeutung erhalten, z.B. bestimmte Geräusche werden in der Weise bedeutungsvoll, daß sie sich von ihnen angesprochen, beobachtet oder bedroht fühlen. Häufig haben sie auch das Gefühl, der Mittelpunkt der Wahrnehmung anderer zu sein. Manchmal wird auch davon berichtet, daß die Umwelt, andere Menschen, Zeit, Raum, der eigene Körper als fremd, verzerrt, verändert oder nur schematisch wahrgenommen wird. Diese Gefühle der Verfremdung bezeichnet man als Derealisation (Verfremdung der Umwelt) oder Depersonalisation (Verfremdung der eigenen Person). Darüber hinaus können auch akustische (z.B. Stimmen hören, die nicht da sind) und haptische (fühlt sich berührt, obwohl ihn niemand anfaßt) Halluzinationen und ferner auch optische und Geruchshalluzinationen auftreten.
- Zu bemerken sind Störungen der Denkabläufe. Hier kann Wichtiges von Unwichtigem nicht auseinandergehalten werden. Das Denken wirkt auf den Beobachter unlogisch und zusammenhangslos, wobei auch oft Gedanken einfach weg sind oder Gedankensprünge festzustellen sind. Oft können sie sich auch nicht entscheiden, welchen Gedanken sie zuerst aussprechen sollen. Es kommt zu verschachtelten Sätzen und Gedankenabläufen, und oft werden Worte im doppeldeutigen Sinn verwendet. Dies sind die sogenannten formalen Denkstörungen. Störungen inhaltlicher Art sind Wahnvorstellungen. Sie schaffen dem Patienten Orientierung in der Außenwelt und befriedigen innere Bedürfnisse. Der Wahn hat die Funktion des Ausdrucks von nicht zugestandenen Wünschen und Bedürfnissen und dient der Abwehr von Konflikten. Häufige Erscheinungsformen des Wahns sind der Verfolgungswahn, der Beeinflussungs- und Beziehungswahn, bei denen die Patienten sich beobachtet fühlen oder denken, unter dem Einfluss fremder Kräfte zu stehen, die sie zu unmoralischen und unsozialen Handlungen zwingen.
- Die Gefühle und die gefühlsmäßigen Beziehungen zur Umwelt sind gestört. Die Gefühle der Patienten sind flach, d.h. sie sind nicht nur in der Intensität des Ausdrucks vermindert, sie scheinen auch an Gefühlen verarmt zu sein. Oft stimmen auch Mimik und Gestik nicht mit dem, was über Gefühle geäußert wird, überein, oder sie passen nicht zur Situation. Darüber hinaus haben schizophrene Menschen oft nur wenig Beziehungen zu anderen Menschen und scheinen bindungsunfähig. Häufig haben sie zu einer bestimmten Person (häufig die Mutter oder der Beziehungspartner, d.h. eine nahe stehende Person) ein zwiespältiges Verhältnis. Sie sind an diese ihnen nahestehende Person auf der einen Seite extrem gebunden, auf der anderen Seite wirken sie dann wieder interesselos. Sie sind unentschlossen, und ihre Gleichzeitigkeit von Wollen und Nicht-Wollen kann ausgesprochen apathisch wirken. Fühlt der Patient sich bedroht, überwiegen Erregung, Spannung und Angst.
Bei Patienten mit der Diagnose Schizophrenie sind die unterschiedlichen Merkmale individuell verschieden ausgeprägt.
Soziale Phobie
Die Soziale Phobie ist eine persistierende, an die Gegenwart anderer Menschen gebundene Angst. Innerhalb der Phobien ist die Soziale Phobie die zweit- oder dritthäufigste Angststörung. Ungefähr ein Viertel aller Angstpatienten leidet an Sozialangst. In älteren Studien fand man heraus, dass Männer wie Frauen gleichermaßen betroffen sind. Neueste Forschungsergebnisse widerlegen dies. Demnach leiden mehr Männer als Frauen unter sozialen Ängsten.
Ihre Ausprägung beginnt im Jugendalter, mit etwa 18 Jahren. Am meisten sind Singles betroffen. Je nach Studie fand man 36-68% der Sozialphobiker ohne Partner. Eine weitere Analyse zusammengetragener Fakten zeigt, dass die Soziale Phobie alle sozialen Schichten sowie Menschen unterschiedlichster Bildungsgrade gleichermaßen befällt.
Die Soziale Phobie wird umschrieben als eine hartnäckige Angst vor Situationen, in der die betroffene Person einer möglichen kritischen Beurteilung durch eine oder mehrere andere Personen ausgesetzt ist. Der Betroffene selbst findet seine Angst übertrieben, kann sie aber nicht beseitigen. Daraus entsteht ein Vermeidungsverhalten, d.h. eine Abneigung gegen persönliche Kontakte, berufliche Aktivitäten, die zwischenmenschliche Kontakte voraussetzen, aus Furcht vor Kritik, Missbilligung oder Ablehnung. Häufig hat das eine eingeschränkte Lebensweise zur Folge.
Bei der nicht-generalisierten Form sind die Ängste eingegrenzt auf z.B. Sprechen in der Öffentlichkeit, Essen mit anderen Menschen, sich vorstellen, Kontakt mit dem anderen Geschlecht, usw.
Der Sozialphobiker ist von sich überzeugt, sozial unbeholfen, unattraktiv und minderwertig im Vergleich zu anderen zu sein. Bei jedem Menschen gibt es eine Grenze, an der er anfängt, darüber nachzudenken, was andere über ihn denken. Würde das nicht so sein, gäbe es keine gesunde Achtung und Respekt voreinander. Menschen würden bei sommerlichen Temperaturen vielleicht unbekleidet die Straße passieren. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, wenn es überhaupt nicht interessiert, was andere davon halten. Ein gesundes Schamgefühl ist nicht nur sinnvoll, sondern sogar notwendig. Nur dadurch ist ein vernünftiges Zusammenleben in einer Gesellschaft möglich. Die Grenze ist fließend, jedoch gibt es einen klar zu definierenden Punkt, ab dem von einer sozialen Phobie die Rede ist:
Kontaktangst, die über die normale Schüchternheit hinaus geht, das heißt übertriebene Sorge vor Missbilligung, Kritik und Blamage, Angst vor autoritärem Verhalten, die Unfähigkeit, eigene Bedürfnisse anzubringen, nicht „Nein“ sagen zu können und allgemeine Konfliktunfähigkeit.
Leidet der Betroffene unter diesen Befürchtungen, vermeidet er soziale Kontakte und ist sein privates und berufliches Leben dadurch stark eingeschränkt, z.B. weil er sich nicht mehr aus der Wohnung traut , dann tritt Behandlungsbedürftigkeit ein.
Engumschriebene Sozialphobien ( z.B. nur Furcht vor öffentlichem Sprechen) sind eher selten. Meist erstreckt sich die soziale Phobie auf mehrere Bereiche, wie Gespräche mit dem Chef, Prüfungen, Arztbesuche, Partys, Gaststätten oder das Knüpfen neuer Kontakte.
Die Soziale Phobie geht mit sichtbaren körperlichen Begleiterscheinungen einher. Die häufigsten unter ihnen sind das Erröten, Sprechhemmungen wie Stottern und Versprechen, schweißnasse Hände, eine verkrampfte Körperhaltung, Flecken an Gesicht und Hals, sowie Zittern. Der Sozialphobiker hat Angst, dass man ihm die Nervosität ansieht, auch vor den Konsequenzen, die bedeuten könnten, allein zu sein, nicht gemocht zu werden, mit anderen nicht zurecht zu kommen.
Die körperlichen Symptome stellen für die meisten Sozialphobiker das eigentliche Problem dar. Diese werden als Grund für weitere Ablehnungen oder negative Bewertungen empfunden.
Ein wesentliches Merkmal der Sozialen Phobie ist das Phänomen der Angst vor der Angst. Schon in der Erwartung (z. B. Erhalt der Einladung zur Betriebsfeier) der befürchteten Situation treten die körperlichen Symptome zu Tage. Allein die Vorstellung bereitet körperliche Beschwerden (Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Herzrasen, Würgegefühl; Bluthochdruck). Der Mensch, auf den sich die Ängste beziehen, reagiert wiederum auf das ängstliche Verhalten und dadurch wird die Situation noch komplizierter. Die betreffende Leistung wird tatsächlich beeinträchtigt. So beschwört der Sozialphobiker unnötigerweise genau die Situation herauf, vor der er sich fürchtet.
Symptome:
- Ausgeprägte, anhaltende Angst (> 6 Monate) vor einer/mehreren sozialen oder Leistungssituationen. (Betroffene fürchten Verhalten zu zeigen, das demütigend oder peinlich sein könnte)
- Exposition ruft konsistent/unmittelbar Angstreaktion hervor.
- Betroffene erkennt, dass ihr Verhalten übertrieben und unbegründet ist.
- Situationen werden gemieden/unter Leiden durchgestanden.
- Es kommt zu deutlichen Leiden und psychosozialen Einschränkungen.
- Ist nicht auf Substanzeinnahme, andere psychische Störungen oder körperliche Faktoren zurückzuführen.
- Falls ein medizinischer Faktor vorliegt (z.B. Tremor) geht die Symptomatik über die übliche Reaktion hinaus.
Typische Befürchtungen:
Überall
- andere sehen mich als „krank“ oder „unkontrolliert“ an
- andere merken, dass mit mir etwas nicht stimmt
- Ich werde beobachtet
- Ich kann weniger und habe weniger zu sagen
- Ich muss in jeder Situation mir oder anderen etwas beweisen
- Ich muss ständig beobachten, ob andere mich akzeptieren, verständnisvoll oder zurückweisend sind.
Vor der Verabredung
- mir könnte kein Gesprächsthema einfallen (negative Erwartung)
- Ich werde nervös aussehen (negative Erwartung)
- was ich sage ist nicht interessant genug (Selbstabwertung)
- meine Gesprächsthemen sind entweder faszinierend oder ermüdend (Schwarz/Weiss Denken)
- ich muss unbedingt für andere interessant sein (hohe Selbsterwartung)
Soziale Situationen führen unausweichlich zu
- Peinlichkeit
- Zurückweisung
- Erniedrigung
- Statusverlust
Beim Essen oder Trinken
- könnten meine Hände zittern
- könnte mir die Gabel oder Tasse aus der Hand fallen
- könnte es mir schlecht werden
- könnte ich auf einmal wegen eines Kloßgefühls im Hals nichts mehr herunterschlucken
An öffentlichen Orten
- könnte ich auf einmal zittern, schwitzen oder erröten
- könnte ich mich ungeschickt benehmen
- könnten alle auf mich schauen
Beim Schreiben
- könnten meine Hände zu zittern beginnen, so dass nur noch Kritzeleien entstehen
- könnte ich versagen,
- könnten andere mich für einen Analphabeten halten
selbstunsicheres Verhalten ist charakterisiert durch soziale Ängste, mangelnde soziale Fertigkeiten, unzweckmäßiges Sozialverhalten, gestörtes Selbstwertgefühl. Auslöser sind häufig:
- öffentliche Beachtung, Misserfolg, Fehler, Kritik
- Befangenheit im sozialen Kontakt
- Ablehnen von Forderungen anderer («Nein-Sagen»)
- eigene Ansprüche, Rechte durchsetzen
- Normenverletzungen
Als Reaktion auf die Angst folgt häufig eine Vermeidungsverhalten bezüglich der Situationen, in denen man befürchtet, dass die die Angst auftreten könnte. Die Angst wird dabei vorweggenommen, die Situation wird so umgedeutet, dass die Angst bestätigt wird. Dadurch nehmen soziale Verhaltensdefizite zu, der Betroffenen wirkt dann manchmal auch tatsächlich ungeschickt in seinen verbalen Äußerungen, seiner Mimik und Gestik und seinen Handlungen. Es kommt nicht selten zu sozial inadäquates Verhalten. Meist ist dies ungeschickt, manchmal sogar tatsächlich wie befürchtet situationsinadäquat und selten auch aggressiv. Das negative Selbstbild, oder Selbstkonzept bestätigt sich, es kommt mehr und mehr zu einer Vorwegnahme von Misserfolg und Ablehnung und zu einem Herabsetzen eigener Fertigkeiten und Eigenschaften, Fremdlob wird abgelehnt.
Trichotillomanie
Trichotillomanie ist durch die Unfähigkeit charakterisiert, dem Impuls zu widerstehen, sich Haare auszureißen, mit der Folge eines sichtbaren Haarverlustes. Eine zunehmende Spannung vor dem Haare ausreißen wird von einem Gefühl von Entspannung und Befriedigung abgelöst, wenn dem Impuls nachgegeben wird.
Die Störung beginnt in der Regel bereits im Kindes oder frühen Jugendalter mit zwei Erkrankungsgipfeln. 5-8 Jahre und 13 Jahre bei einem durchschnittlichen Erkrankungsalter von etwa 10 Jahren. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass „Haare ausreißen“ durchaus eine vorübergehende Gewohnheit im frühen Kindesalter sein kann , die spontan verschwinden kann.
Für die Diagnose ist es wichtig, dass die Störung zu einem sichtbaren Haar-Verlust führt. Wichtig ist auch, dass jede Körperregion betroffen sein kann, am häufigsten sind Kopfhaar und die Augenregion.
Manche Patienten berichten über nur kurze , über den Tag verteilte Episoden, andere über stundenlang anhaltende Perioden. Immer tritt eine zunehmende Anspannung, Erregung unmittelbar vor dem Haare ausreißen auf. Beim Haare ausreißen“ entsteht Erleichterung, teilweise auch ein Lustempfinden. Das Verhalten wird meist versteckt und auch verleugnet und tritt nicht in der Öffentlichkeit auf.
Gelegentlich ist das Haareausreißen damit verbunden, dass anschließend die Haarwurzeln untersucht werden, die Haare durch die Zähne gezogen oder gegessen werden. Manche verspüren auch den Zwang die Haare von fremden Menschen auszureisen, oder diese von Puppen, Haustieren oder Textilien rauszureisen.
Die Trichotillomanie kommt häufig in Verbindung mit Angststörungen, Missbrauch von psychotropen Substanzen, aber auch bei Bulimie (Eß-Kotz-Sucht) vor.
Aber auch bei Zwangsstörungen.
Voyeurismus
Unter Voyeurismus versteht man die Tatsache, dass sich Menschen beim Betrachten der Sexualität oder Nacktheit anderer Lust, Freude oder Befriedigung verschaffen. Voyeurismus gibt es aber auch außerhalb der Sexualität, so z.B. bei Unfällen, Naturkatastrophen u.ä.
In der Sexualität ist Voyeurismus ein kaum eindeutig zu definierender Begriff. Das intensive Betrachten des(der) Partners(in), das Betrachten erotischer Bilder, z.B. in Zeitschriften, sowie von Filmen oder TV-Sendungen gilt als normales Tun und ist gesellschaftlich voll akzeptiert. Das Betrachten von Nackten auf FKK-Geländen, z.B. mit Ferngläsern, beginnt fragwürdig zu werden, obwohl niemand dadurch einen Schaden hat. Und was ist dagegen einzuwenden, wenn Menschen anderen bei der Sexualität, z.B. durch heimliches Fensterln, zuschauen? Und wo liegt das Verwerfliche, wenn Befriedigung dadurch erreicht wird, dass dem eigenen Partner mit dessen Wissen und/oder Wollen beim Sex zugesehen wird.
Solange bei den Betroffenen kein Leidensdruck besteht und die Rechte anderer nicht verletzt werden, kann Voyeurismus als eine legitime Spielart menschlicher Sexualität angesehen werden. Wie vielfältig derartige Praktiken sind und wie schwer eine Beurteilung fällt, zeigt sich darin, dass in einigen Regionen Deutschlands, wie z.B. in Bayern, das Fensterln bis heute als akzeptiertes Brauchtum gilt.
Als zumindest fragwürdig muss Voyeurismus dann angesehen werden, wenn er zum reinen Selbstzweck wird und nicht nur der Stimulation für eine „normale“ Sexualität dient. Als krankhaft gilt er, wenn er zum Zwang wird, gegen den sich die betroffene Person nicht mehr wehren kann. In diesen Fall ist psychologischer oder psychiatrischer Rat einzuholen.
Wahnhafte Störung
Das charakteristische Merkmal einer wahnhaften Störung ist ein Wahn. Außer dem Wahn kann es noch zu weiteren seelischen Auffälligkeiten kommen, teils als krankheitstypisches Beschwerdebild, teils als psychosoziale Folgen des Wahns. Doch das beherrschende Symptom ist und bleibt der Wahn.
Bei der wahnhaften Störung kann der Liebes-, Eifersuchts- Größen- oder Verfolgungswahn zumindest theoretisch möglich sein, im realen Leben nicht völlig auszuschließen. Oder kurz: Man greift sich nicht verwundert an den Kopf, wie bei einer Schizophrenie, man ist eher irritiert, besorgt, erschreckt, was es „auf dieser Welt nicht alles gibt“. Beispiele: In einem entsprechenden Milieu verfolgt (Geheimdienste, Mafia) oder vergiftet (entsprechende Auseinandersetzungen) oder infiziert zu werden (Infektionsmöglichkeiten, die durchaus möglich sind). Oder geliebt, gehasst oder betrogen zu werden usw.
Verlauf wahnhafter Störungen
Wahnhafte Störungen können in jedem Lebensalter beginnen, haben aber ihren Schwerpunkt im mittleren oder späteren Erwachsenenalter. Der Inhalt des Wahns oder der Zeitpunkt seines Auftretens kann also mit jeder Lebenssituation des Betreffenden in Beziehung stehen.
Beispiele: Verfolgungswahn in Kriegs- und Krisenzeiten, während Revolutionen, Verfolgung, Flucht, politischen oder sonstigen Auseinandersetzungen u.a. Liebes- oder Eifersuchtswahn bei eher zufälligen Ereignissen.
Der Verlauf ist sehr unterschiedlich. In manchen Fällen eher kurzfristig (d.h. einige Monate), bisweilen einige Jahre, in tragischen Einzelfällen das ganze Leben, d.h. chronisch (insbesondere beim Verfolgungswahn). Häufig gibt es eine vollständige Genesung, aber auch die Gefahr späterer Rückfälle, je nach Auslösern, die vor allem von Außenstehenden im Allgemeinen schwer einschätzbar sind.
Eine Auswahl an Unterformen der wahnhaften Störungen
z.B. Beeinträchtigungswahn, Verfolgungswahn, Bestehlungswahn, Beziehungswahn, Untergangswahn, Fremdbeeinflussungswahn, wahnhafter Identitätswandel, Heilswahn, Weltverbesserungs- bzw. Welterneuerungswahn, Allmachtswahn, Abstammungswahn, hypochondrischer Wahn (Krankheiten), nihilistischer Wahn (nichts sein), Krankheitswahn, Verarmungswahn, Schuldwahn, Verdammungswahn, Größenwahn, Liebeswahn, Schwangerschafts- bzw. Mutterschaftswahn, Reichtumswahn, wahnhafte Rollenerhöhung, Begnadigungswahn, Unschuldswahn, Querulantenwahn, Eifersuchtswahn, Bedrohungswahn, wahnhafte Situationsumdeutung u. a.
Liebeswahn
Beim Liebeswahn besteht das zentrale Wahnthema darin, von einer anderen Person geliebt zu werden - ohne dass diese (in der Regel) davon weiß. Meist handelt es sich um eine idealisierte, romantische Liebe oder seelische Verbundenheit; sexuelle Aspekte sind eher zweitrangig. Oft ist die Person, von der man sich geliebt wähnt, von höherem Rang, z.B. ein Vorgesetzter, aber auch eine Berühmtheit aus den Medien, also Film und Fernsehen sowie Sport, Kultur oder Politik. Es kann aber auch ein vollkommen Fremder sein. Probleme gibt es erst, wenn der Patient mit dem Betreffenden in (erzwungenen) Kontakt kommen will: Telefonanrufe, Briefe, Geschenke, Besuch, wenn nicht gar „Kontrolle“, Überwachung oder Bespitzelung.
Beim Liebeswahn sind Frauen überrepräsentiert. Kommt es allerdings zu polizeilichen und schließlich juristischen Komplikationen (Nötigung, scheinbare Erpressung, aber auch der Versuch, vor „vermeintlichen Gefahren zu retten“), dann dominiert offenbar das männliche Geschlecht.
Größenwahn
Beim Größenwahn besteht das zentrale Wahnthema in der Überzeugung, ein zwar großes, aber bisher leider übersehenes Talent zu haben, ein verkanntes Genie zu sein oder über Einsichten zu verfügen bzw. bedeutsame Entdeckungen gemacht zu haben, die unbedingt von der Welt, zumindest aber von der näheren Umgebung zur Kenntnis genommen werden sollten.
Manchmal besteht der Wahn auch darin, zu einer prominenten Person (wiederum vor allem Medien, Film und Fernsehen, Sport, Kultur oder Politik) in einer besonderen Beziehung zu stehen, wenn nicht gar selbst eine prominente Persönlichkeit zu sein.
Früher bestand der Größenwahn nicht selten aus religiösen Inhalten (z.B. eine besondere Botschaft von „oben“ erhalten zu haben). Später ging dieses Phänomen zurück. Heute scheint dies wieder zuzunehmen.
Eifersuchtswahn
Beim Eifersuchtswahn besteht das zentrale Wahnthema aus dem unerschütterlichen Glauben bzw. der Überzeugung, dass der (Ehe-)Partner untreu sei. Beweise gibt es nicht oder nur solche, die von niemand akzeptiert würden. Dafür reichlich falsche Schlussfolgerungen oder „Überführungen“, die zwar zwanghaft gesammelt werden, aber keine Beweiskraft hätten (in Unordnung gebrachte Kleidung, Flecken auf dem Bettlaken usw.).
Der Partner, der sich keiner Schuld bewusst ist (oftmals sogar nach jahrzehntelanger Ehe in Treue und zudem im höheren Lebensalter) wird dann ggf. auf unangenehmste Weise beeinträchtigt: Klagen, Vorwürfe, Drohungen, Verleumdungen, Einschränkungen, Bespitzelungen, Verfolgungen u.a.
Interessanterweise wird dabei vor allem der Partner, nur selten aber der vermeintliche Nebenbuhler attackiert.
Verfolgungswahn
Beim Verfolgungswahn besteht das zentrale Wahnthema in der Überzeugung, man habe sich gegen den Betreffenden verschworen, werde betrogen, verleumdet, belästigt, behindert, ausspioniert, verfolgt oder müsse gar um sein Leben fürchten. Ausgangspunkt ist oft eine (selbst unbedeutende) Ungerechtigkeit, die sich schließlich bis zu (endlosen) gerichtlichen Auseinandersetzungen hinziehen kann.
Am Schluss hat sich der Betreffende ggf. in ein Netz von zwischenmenschlichen, beruflichen, polizeilichen, juristischen u.a. Auseinandersetzungen verstrickt, so dass er zu nichts anderem mehr Kraft, Zeit und schließlich Interesse hat. Der Verfolgungswahn ist sein Lebensinhalt geworden. In solchen Fällen (bisweilen schon früher) und bei entsprechender Persönlichkeitsstruktur kann es auch zu aggressiven Durchbrüchen und Gewaltanwendungen kommen.
Körperbezogener Wahn
Beim körperbezogenen Wahn bezieht sich der zentrale Wahn auf körperliche Funktionen und Empfindungen. Am häufigsten peinigt die unbegründete Angst bzw. Überzeugung, einen üblen Geruch zu verbreiten (z.B. Mund, Haut, Scheide, After) oder äußerlich bzw. innerlich Insekten oder Parasiten ausgeliefert zu sein. Oder dass bestimmte Körperteile (trotz aller Gegenbeweise) verunstaltet oder hässlich sind (Gesicht, Augen, Nase, Mund, Ohren, Hände) bzw. dass Teile des Körpers nicht mehr richtig arbeiten (Herz-Kreislauf, Magen-Darm).
Zwangsstörung
Die Zwangskrankheit betrifft mehr als eine Million Menschen in Deutschland. Nur 10?15% werden irgendwann ganz symptomfrei. Dass jemand auf der Treppe noch einmal umkehrt um zu sehen, ob er seine Tür wirklich abgeschlossen hat, dass jemand alles etwas genauer nimmt als andere, mehr grübelt, zweifelt, mal über seine Gedanken erschrickt, oder abergläubisch ist, gehört noch zu den häufigen kleinen Unterschieden zwischen gesunden Menschen. Erst wenn dies alles exzessiv wird und auch bei bestem Willen gar keinen Sinn mehr macht, Alltagstätigkeiten und die Funktionsfähigkeit beeinträchtigt sind, spricht man von einer Zwangsstörung. Da werden dann nicht vor dem Essen oder nach dem Besuch der Toilette besonders intensiv die Hände gewaschen um die Bakterien oder den Schmutz loszuwerden, viele Betroffene verbringen Stunden damit, sich immer wieder die Hände zu waschen, oft bis die Haut an den Händen völlig ruiniert ist. Sie verbringen Stunden damit die Konservendosen in der Speiskammer genau an den richtigen Platz zu stellen um ihre Ängste einzudämmen. Sie fahren abends noch 4x die Runde um den Block um zu sehen, dass sie wirklich keinen Unfall verursacht haben, und dennoch kann sie der Zweifel aus dem Haus treiben lieber nochmals 4 Runden zu drehen, um nur sicher sein zu können. Sie geraten in Panik, wenn sie ihre Rituale nicht genauestens einhalten können, befürchten ständig, dass sie die Kontrolle über sich verlieren könnten. Manche müssen ständig beten, um „verbotene“ Gedanken ungeschehen zu machen, andere befürchten ständig, dass sie anderen Menschen etwas schlimmes antun könnten. Man sieht z.B. einen roten Fleck und hat die Vorstellung, es könnte Blut sein. Man fasst eine Türklinke an, oder gibt jemandem die Hand und befürchtet, sie sei mit Bakterien verseucht. Man meint sich unbedingt waschen zu müssen. Es entstehen innere Unruhe, und Angst. Die Hände müssen gewaschen werden, um die Unruhe zu verringern. Manchmal kann die Unruhe und Anspannung scheinbar nur durch gedankliche Rituale, wie z.B. Zählen, oder gedankliches Widerholen von Wörtern vermindert werden. Werden solche Rituale nun häufiger ausgeführt, kommt es zwar kurzfristig zur Beruhigung, aber leider auch zur Verfestigung und Chronifizierung der ursprünglichen Befürchtung: ,,Wenn ich die Hände nicht gewaschen hätte, hätte ich mich mit Aids infiziert“, oder: ,,Nur wenn ich bis 13 zähle, kann ich mich beruhigen“. Auf diese Weise verschlimmert sich die Situation von Mal zu Mal, der Zwang nimmt zu und ein Teufelskreis von zwanghaften Ritualen beginnt. Oft werden diese dann schon „vorbeugend“ eingesetzt. Viele Menschen mit einer Zwangsstörung sind extrem in ihrer Lebensgestaltung eingeschränkt. Menschen mit einer schweren Zwangsstörung sind meist nicht arbeitsfähig und auch nicht in der Lage Partnerschaften aufrecht zu erhalten. Oft ist der ganze Tagesablauf von den Zwängen bestimmt. Kontrollzwänge, Waschzwänge, Rituale verschiedenster Art und Ängste sowie sekundäre Depressionen bestimmen nicht selten den ganzen Tagesablauf und manchmal noch die Nacht. Die Patienten sind oft Gefangene ihrer Ängste und Rituale, zu kaum etwas anderem mehr fähig.
Bei einer zwanghaften Persönlichkeit werden die Kontrollhandlungen als zur Person und zum Charakter zugehörig (ichsynton) erlebt, d.h. die Betroffenen sind stolz auf ihr Verhalten und können oftmals nicht verstehen, warum andere Menschen die betreffenden Dinge anders handhaben. Zwangkranke dagegen leiden unter ihren Gedanken und Handlungen. Bei einer zwanghaften Persönlichkeit handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die durch Gefühle von Zweifel, Perfektionismus, übertriebener Gewissenhaftigkeit, ständigen Kontrollen, Halsstarrigkeit, Vorsicht und Starrheit gekennzeichnet ist. Es können beharrliche und unerwünschte Gedanken oder Impulse auftreten, die nicht die Schwere einer Zwangsstörung erreichen. Meist leidet bei einer zwanghaften Persönlichkeit (im Gegensatz zur Zwangsstörung) eher die Umgebung als der Betroffene.
Die häufigsten Inhalte von Zwängen und Beispiele zugehöriger Zwangsgedanken und ?handlungen
Verunreinigung bzw. Kontamination
(Vorstellung, durch den Kontakt mit als gefährlich betrachteten Substanzen wie z.B. Schmutz, Keime, Urin, Kot, Blut, Strahlung, Gifte Schaden zu erleiden)
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Der Kamm des Frisörs war mit dem AIDS-Virus infiziert
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Arzt aufsuchen; den Körper nach AIDS-Symptomen absuchen; Hände und Haare waschen; alles sterilisieren, was andere Personen berühren könnten.
Diese Ängste verschieben sich nicht selten auch, so berichtet ein Patient früher sei es die Angst vor Bakterien gewesen, inzwischen sei es die Angst vor Nanoteilchen. Er wisse, dass das unsinnig sei, wisse auch, dass im Prinzip im Wasser genauso viele Nanoteilchen seien, wie sonst, wenn er etwas anfasse, dass es gar kein ganz sauberes Wasser ohne Teilchen im Nanobereich gebe. Dennoch müsse er das Hände waschen durchführen, um sich zu beruhigen.
Physische Gewalt
(gegen einen selbst oder gegen andere, verursacht durch einen selbst oder durch andere)
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Ich werde meinem Baby etwas antun
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Nicht mehr mit dem Kind allein sein; Rückversicherung suchen; Messer oder Plastiktüten verstecken
Tod
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Mein Partner könnte tot sein
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Vorstellung dieser Personen als lebendig
Zufälliges Unglück
(z.B. Unfall, Krankheit)
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Ich könnte jemand mit dem Auto angefahren haben
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Krankenhäuser oder Polizei anrufen; Strecke nochmals abfahren; das Auto auf Spuren eines Unfalls absuchen
Sozial unangepasstes Verhalten
(z.B. Ausrufen peinlicher Sachen, Verlust der Kontrolle)
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Ich werde gleich etwas Obszönes rufen
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Versuche, »die Kontrolle zu behalten«; Vermeidung sozialer Situationen; dauerndes Fragen anderer, ob das Verhalten in bestimmten Situationen akzeptabel war
Sex
(übermäßige Beschäftigung mit Sexualorganen unakzeptables sexuelles Verhalten)
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Ich werde jemanden vergewaltigen
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Versuch, nicht mit potentiellen Opfern allein zu sein; Versuch, derartige Gedanken aus dem Kopf zu verbannen
Religion
(z.B. blasphemische Gedanken, religiöse Zweifel)
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Ich werde meine Speisen dem Teufel anbieten
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Gebete; Aufsuchen religiöser Hilfe Beichte; Gott als Ausgleich etwas anderes anbieten
Ordentlichkeit
(z.B. Dinge müssen am richtigen Platz sein, Handlungen auf die richtige Art (nach einem bestimmten Muster oder mit einer bestimmten Häufigkeit) ausgeführt werden)
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Wenn ich meine Zähne nicht auf die richtige Art und Weise putze, muss ich noch mal von vorne anfangen, solange bis ich es richtig mache
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Wiederholung einer Handlung mit einer »guten« Häufigkeit; Wiederholung, bis es sich »richtig anfühlt«.
In diese Kategorie gehören auch Wiederholungen, wenn bei einer Handlung etwas „Böses oder Schlechtes“ gedacht wurde. So berichtet ein Patient, dass er immer wieder die Treppe rauf und runter gehen müsse, wenn er etwas böses gedacht habe beim Treppen gehen, so lange bis er das wieder gut gedacht habe. Bei einem anderen tritt dies eher beim durch eine Türe in der Wohnung gehen auf, dieser kann die Zwangshandlung auch an seine Ehefrau delegieren, die dann nicht selten stundelang durch die Tür geht. Die Kontrolle von Gegenständen kann sich auf alles mögliche beziehend wie Wasserhähne, Türen, Küchengeräte, Bilder, Schreibutensilien Konservendosen, …die alle kontrolliert werden müssen, bevor alltägliche Aktivitäten in Angriff genommen werden können.
Etwas verlieren
schon für Gesunde ist die Angst etwas wichtiges zu verlieren oder die Kontrolle ob der Geldbeutel wirklich noch in der Handtasche oder Hosentasche ist, nichts außergewöhnliches. Manche Zwangskranke können solche Gedanken und die daraus folgenden Kontrollen bis zu Stunden bei Kleinigkeiten beschäftigen. So berichtet ein Patient, dass er große Schwierigkeiten habe seine Kleidung in die Waschküche zu bringen, da er diese bis zu 30x ausschütteln müsse um sicher zu sein, dass er nichts wichtiges darin vergessen habe. Ein anderer kann Geldscheine nur dann abgeben, wenn er diese mehrfach geschüttelt hat um sicher zu sein, dass kein anderer Schein daran klebt, einkaufen sei ihm damit fast unmöglich und wenn überhaupt nur mit großen Vorbereitungen möglich.
Unsinn
(z.B. bedeutungslose Phrasen, Bilder, Melodien, Wörter, Ziffern)
- dazugehöriger Zwangsgedanke z.B.: Hören der Titelmelodie einer Fernsehserie »im Kopf« während einer anderen Tätigkeit (z.B. beim Lesen)
- dazugehörige Zwangshandlungen z.B.: Wiederholtes Durchlesen der Passage, solange bis die Melodie nicht mehr auftaucht.
Datenschutz
Wie andere öffentlich diskutierte Ängste wird auch die Angst vor Missbrauch mit den persönlichen Daten nicht selten zu einem Thema der Zwangsgedanken mit entsprechenden darauf folgenden Zwangshandlungen. So berichtet ein Patient, er müsse einen großen Aufwand betreiben, damit sein privater Briefwechsel nicht in fremde Hände gelange, man könne nie wissen, ob es nicht Menschen geben könnte, die irgendein Wissen über ihn ausnützen würden. So brauche er beispielsweise viel Zeit um seine private Post so zu vernichten, dass nichts darauf mehr lesbar sei und es auch nicht mehr zusammensetzbar sei. Er wisse zwar dass dies unsinnig sei, dass er gar nicht so wichtig sei, dass sich jemand so für ihn interessieren würde, dass dieser den Aufwand betreiben würde zerrissene Papierstücke aus seiner Mülltonne wieder zusammen zu setzen, dennoch werde er die Beunruhigung nicht los, wenn er nicht stundenlang damit beschäftigt sei, alles so klein gerissen zu haben, dass nicht mehr als ein Buchstabe auf einem Papierfetzen sei, den er wegwerfe. Alleine die Beseitigung der Werbung koste Stunden.

