Telyavelische Tremere
Die Pyramide duldet keinen Freiraum, keine Unabhängigkeit und schon gar nicht, dass sich Tremere aus ihr entfernen. Das Schicksal der Telyavelischen Tremere ist exemplarisch. Ein telyavelisches Sprichwort war: „Dort wo für den, der es nicht versteht, Dunkelheit und Gefahr ist, findet der, der von den Alten erfahren hat, wie man es macht, Heilung und Glück auf allen seinen Wegen.“
Livland… Es ist das Jahr 1210 im Namen des Herrn. Aber im Umkreis von hundert Meilen existiert hier keine christliche Kirche. Stattdessen bist du dankbar, dass Perkunas ruht, während du langsam den Dugauva auf deinem Flachboot hinunter stakst. Feste Wege gibt es in diesem sumpfigen und wilden Land nicht. Hoffentlich hast du genug von deinem Schnaps an Vodjanoj geopfert, um ihn solange betrunken zu halten, bis du die Sicherheit des Lager erreichst. Hier in der Wildnis zu lagern bedeutet einen schmerzhaften Tod.
Die Geschichte der Telyavs
Kurz nach dem der Rat der Sieben das Ritual durchführte, dass sie in Vampire verwandelte, begannen sie den Vampirismus im Haus Tremere zu verbreiten. Aber bereits im 11. Jahrhundert gab es einige Tremere, die mit ihrer neuen Existenz nicht zufrieden waren. Sie suchten einen Weg die Veränderung wieder rückgängig zu machen. Diese kleine Gruppe verließ Ceoris und errichtete ein Gildehaus in der Nähe des heutigen Riga. Angeblich befand sich das gut verborgene Gildehaus in den Baumkronen eines dunklen Waldes auf einem heidnisch-heiligen Hügel. Sie übernahmen die heidnischen Traditionen der dortigen Bevölkerung und erfuhren von der Siela, magische Energien des Todes, die im Boden, Pflanzen und Tieren wiederhallte. Sie gaben ihr Tremere-Erbe auf und nannten sich Telyavs nach dem baltischen Beschützer der Toten Telyavel (auch Kaleval). Basierend auf diesen Vorraussetzungen erschufen sie ihre eigene Form der Blutmagie, die heute als Sielanische Thaumaturgie bezeichnet wird. Die Telyavs übernahmen die Funktion von Druiden und Schamanen für die dortige Bevölkerung und gründeten eine Reihe heidnischer Kulte. Die enge Verbindung mit der Vis-reichen Magie der Erde hatte aber noch einen Nebeneffekt. Die Telyavs ähnelten mehr und mehr den Koldunen der Tzimisce und sie konnten ihre Kräfte auch für Metamorphosen des Körpers nutzen. Statt direkter Kontrolle über den menschlichen Geist, hatten die Telyavs eine übernatürliche Ausstrahlung, um die Massen ihrer heidnischen Anhänger zu beeindrucken. Den Rego Elementum lernten sie als erstes in ihrer thaumaturgischen Ausbildung. Zudem nahmen viele zu den heidnischen Bräuchen und Verhalten auch den Weg des Tiers an. Die Telyavs schufen sich ihre eigene Form der Pyramide. Neugeborene mussten neben dem Blut ihres Erzeugers nicht das Blut der Ältesten trinken, sondern stattdessen zweifach von der direkten Vorgänger-Generation. Bei den Heiden gab es viele Weise Frauen, Priesterinnen und Schamanen. Die Magie hat stets einen weiblichen Aspekt. So fanden viele Frauen den Weg in die Reihen der Telyavs, bis sie schließlich einen Drittel der Blutlinie ausmachten. In der Vorstellung der Slawen wohnte die Seele außerhalb des Körpers. Sie trennte sich nicht nur im Tod vom Körper, sondern auch manchmal im Schlaf. Die Seelen versammelten sich dann des Nachts auf Berggipfeln und kämpften gegeneinander. Die Telyavs integrierten diese Vorstellung in ihre Gesetze. Ein Certamen durfte nur in den Geisterwelten ausgefochten werden, entweder in der Astralwelt oder den Schattenlanden.
Im 16. Jahrhundert entstand aus Polen und den baltischen Staaten ein christliches Königreich. Die christlichen Inquisitoren machten kurzen Prozess mit den heidnischen Kulten. Für die Telyavs war die christliche Religion schon immer Anathema und nun bedeutete sie ihren Untergang. Das Gildehaus von Riga wurde zerstört und die wenigen Überlebenden verstreuten sich und fielen schnell ihren zahllosen Feinden zum Opfer.
Zar Alexej Michailowitsch ließ mit dem Zarenedikt von 1649 allen Geschichtenerzählern die Zunge rausschneiden, um auch die alten Sagen und Geschichten vergessen zu lassen. „Viele glauben einfältigerweise an Träume und den Bösen Blick, hören auf den Vogelgesang, verbreiten Rätsel und Mythen. Durch sinnloses Geschwätz und Feiern, durch Blasphemie zerstören sie ihre Seelen.“ Dies war der endgültige Todesstoß für die wilde Magie im Land.
Nur der Orden der Naturisten weiß noch um einige der Geheimnisse, die die Telyavs der Erde entrissen haben. Doch dieser Geheimbund ist verboten (wie fast alle).
Die Sielanische Thaumaturgie
Der Pfad des Blutes der Welt Augen der Erde Wurzeln der Macht Schutzrinde Spur des Tiers Weg des Gesteins
Pfad des Schattens der Welt Tote sehen Vertreiben der zornigen Toten Befehle für die frisch Verstorbenen Armee der Seelen Wandeln auf der Strasse der Schatten
Rituale
Einswerden mit dem Land (1) Seele des Landes (4) Den Geist des Beschützers berühren (5)
Rote Augen (2) Dieses Ritual erlaubt es Pflanzen oder Tiere in der Nähe zu entdecken, die von einem mächtigen Geist besessen sind. Ähnlich wie bei der Gestaltwandel-Disziplin leuchten die Augen dabei rot. Es gibt aber auch die seltenere Form, wobei ein Auge für die Dauer des Rituals übergroß anschwillt.
Zaltis befragen (3) Die Ringelnatter wurde häufig als Abgesandte der Götter betrachtet. Hält man sich eine Ringelnatter als Haustier und gibt ihr Milch, kann man sie über die Zukunft befragen. Können die Windungen der Schlange erfolgreich gedeutet werden, erhält der Ritualanwender für den Rest der Nacht einen zusätzlichen Würfel auf eine beliebige Fähigkeit.
typische Ritualzutaten
Kränze aus Blumen oder Zweigen Salzbrot Geweihte Kerzen Gesegnete Münzen Kreistänze und ekstatische Musik und Gesänge Opfer in Form von Nahrungsmitteln Blut- oder Tieropfer Nachtschattengewächse (Solanaceen): Alraune/Mandragora-Wurzel, Bilsenkraut, Stechapfel, Tollkirsche Spiralenzeichen, spiralförmige Tänze
Gebet/Beschwörung
Und ich sehe Gott. Ich sehe ihn aus der Erde sprießen. Er wächst und wächst, groß wie ein Baum, wie ein Berg so groß. Sein Gesicht ist voll Anmut, wunderschön und ernst, so wie in den Tempeln. Ein andermal ist Gott nicht wie ein Mensch, er ist ein Buch. Ein Buch, das aus der Erde geboren wird, ein Heiliges Buch, das im Augenblick, wo es das Licht der Welt erblickt, die Erde erzittern läßt. Es ist das Buch Gottes, das zu mir spricht, damit ich spreche. Es gibt mir Ratschläge, es unterweist mich, es sagt mir, was ich den Menschen zu sagen habe, den Kranken, den Gesunden. Das Buch erscheint vor mit, und ich lerne neue Wörter. Ich bin ein Kind Gottes und auserwählt, eine Weise zu sein.
Prinzipiell gab es zwei Möglichkeiten die sielanische Magie auszuüben: Mit oder gegen den Willen der Götter. Die damaligen Tremere kamen aus einer anderen Kultur und auch wenn sie als Boten von Telyavel von der Bevölkerung akzeptiert wurden, verstanden sie nicht genug von der Kultur, um wirklich dem Willen der Götter zu entsprechen. So griff die erste Generation der Telyavs sicherlich auf die blasphemische Form der sielanischen Thaumaturgie zurück. Sobald man in Erfahrung gebracht hatte, welche Orte und Gegenstände einem Gott heilig waren, mussten diese angemessen entweiht und geschändet werden, aber mit den gleichzeitigen Angebot an die betreffende Gottheit, das Umtreiben zu beenden. Die Götter sollten so gezwungen werden, ihren missbilligenden Segen den Ritualen der Telyavs zu geben. Möglicherweise war dies am Ende auch der Grund für den Untergang der Telyavs. Sie hatten ihre Schutzpatrone mehr ausgebeutet, als ihre Stärke gefördert. In späteren Generation fanden sich sicherlich auch einige Druiden und Schamanen wieder, die besser mit den Willen der Götter vertraut waren. Diese konnten in angemessenen Ritualen und Opferriten die Segnungen der Götter erbitten, ohne diese zu verärgern. Der Schwachpunkt dieser Magie war, dass sie die Macht nicht einfordern konnten, wie sie es brauchten. Sie waren also vom dem wankelmütigen Willen unverständlicher Wesen abhängig, die auch in kritischen Situationen ihre Hilfe schlicht verweigern konnten oder einfach mit anderen Dingen beschäftigt waren, denen sie ihre Aufmerksamkeit schenkten. Mit der hermetischen Magie der Tremere verträgt sich diese Herangehensweise ohnehin nicht.
Das Heidentum
Glaube und Götter Der heidnische Glaube dieser längst vergangenen Zeit war nicht so stark kodifiziert, wie heutige Religionen es sind. Die Traditionen und Regeln wurden mündlich von Priestern weitergegeben und es gab keine beständige Aufzeichnungen. Der Glaube und die Praktiken unterschieden sich von Dorf zu Dorf, dennoch blieben einige Gemeinsamkeiten. Die meisten Menschen des Baltikums verehrten die Götter Andai, Perkunas und Telyavel, wobei Perkunas und Telyavel eine Art Allianz gegen die Mächte des Himmels bildeten. Andere glaubten (zusätzlich) an die unpersonifizierten Naturmächte der Erde. Den mächtigen Naturgeistern wurden Opfergaben an Alkas angeboten und man bat um den Rat und die Unterstützung der alten und weisen Geister. Die menschliche Seele kann sich nach dem Tod in Bäumen und anderen Pflanzen festsetzen, die dadurch menschliche Eigenschaften bekommen. So entstehen sprechende oder blutende Pflanzen. Weitere Glaubensrichtungen verehrten das Pantheon mit der Sonnengöttin Saule, den Mondgott Mehnesis, den Donnergott Perkunas, der Regengott Lytuvonis und Zemyna die Göttin der Erde und Herrin der Toten. Ein stärker slawisch geprägtes Pantheon bestand aus dem Hauptgott Svarog, seinem Sohn den Sonnengott Svarozic, dem Perkunas entsprechenden Perun und dem Telyavel entsprechendem Volos. Die kleineren Götter waren der Windgott Stribog, der Mondgott Chors, der mehrköpfige Gott Simargl, die Fruchtbarkeitsgöttin Mokosch und ein Herkules ähnlicher Halbgott Trajan, der als Mensch Göttlichkeit erlangte und vermutlich ein römischer Kaiser war. Menschenopfer waren unüblich aber möglich. Normalerweise wurden Verbrechern oder Kriegsgefangene geopfert, aber auch nur wenn Hungersnöte oder andere große Katastrophen drohten.
Feiertage
Kaledos, Wintersonnenwende Mit Verbrennen der Blukis wurde das Ende der Dunkelheit gefeiert. Die Menschen verkleideten sich mit Masken als Tiere und es wurde im Dorf ein Schwein geschlachtet und gegrillt, von dem alle Essen durften. Ligo, Sommersonnenwende Auf einer erhöhten Position wurde ein großes Feuer entzündet und mit Tänzen und Gesängen dem Weltenbaum gehuldigt. Als Festessen gab es Käse und Wurst. Riten der Jahreszeiten Im Frühling gab es das Fest des Grünen Mannes zu Ehren von Pergrubius, dem Gott des Wachstums. Im Herbst wurde mit dem Fest von Zazinck der Beginn der Ernte gefeiert, während zu O Zinck die Ernte beendet sein musste. Vaizgautis wurde bei der Flachs-Ernte gefeiert, eine Huldigung an Saule. Alltag Tägliche Verehrung wurde aber nur Zemyna zuteil. Als Erd- (und Ernte-) Göttin spielte sie die größte Rolle im Leben der Bauern. Regelmäßig wurde ihr gedacht, vor Arbeitsbeginn oder zu Bett gehen der Boden geküsst. Es galt als Sakrileg im Zorn auf die Erde zu spucken, zu treten oder zu schlagen.
Heilige Orte
Nur in größeren Dörfern gab es Tempel für die Verehrung der höheren Mächte. Aber auch dann opferten die meisten Leuten an Alkas, heiligen Plätzen in der Natur, ihren Göttern. Die Alkas bestanden meistens aus kleinen Lichtungen oder Hainen von Bäumen und anderen Pflanzen, die einem bestimmt Gott oder Naturaspekt zugeordnet waren. Linden standen z.B. für Laima der Göttin des Schicksals und Erlen waren ein Zeichen von Puskaitis, dem Gott der Feen und anderen Geister der Unterwelt.
Sagen
Als Perkunas auf der Erde wandelte, traf er auf ein Pferd und fragte es nach dem Weg. Das Pferd meinte, es habe keine Zeit, es müsse fressen und verweigerte so die Auskunft. Dann traf er auf ein Rind, das ihm gern den Weg nach dem Flusse wies. Perkunas sprach nun zum Pferde: Weil du des Fressens halber nicht Zeit nahmst mir einen Liebesdienst zu erweisen, sollst du nimmer satt werden. Dem gutmütigen Rind hingegen verlieh Perkunos die Gemütlichkeit, seinen Hunger zu stillen und gemächlich wiederzukäuen.
Anfang vom Ende
Mit beginnender Christianisierung wurden die Götter und magische Riten zunehmend in christlichen Symbolen verborgen. Perun wurde zum Propheten Elias, Volos zum heiligen Blasius und Kupala zu Johannes dem Täufer. Die Frühlingsriten fielen mit Ostern zusammen, die Winter-Kalden wurden durch Weihnachten ersetzt. Das Fest des Jarilo (Gott der Sonne und des Lebens) wurde zum Johannisfest.
Glossar der baltischen und slawischen Mythologie
Alka: ein Altar für Opfer an die Geister, oftmals einfach nur ein heiliger Ort für die Opferungen
Andai: Gott des Himmels
Baba Jaga: teils bösartige, teils hilfsbereite Hexe
Bannik: neckischer Hausgeist, der gerne Streiche spielt
Bujan: das Jenseits, eine paradiesische Insel
Bochuta: Götze
Deive: eine Gottheit oder Fee
Dvorovoj: ein kleiner, bärtiger Hausgeist, Heinzelmännchen (auch Domowoj)
Giltine: litauische Todesgöttin und Hexe. Kam sie weißgewandet in das Haus eines Kranken, dann erwürgte oder erdrückte sie ihn. Die Litauen sorgten dafür, dass zwischen dem Dorf und dem Friedhof ein Fluss lag, da Giltine kein Wasser überqueren konnte.
Gorinka: legendäre Hexe
Kaukas: glücksbringender Kobold für den Haushalt, der ungemachte Arbeiten erledigt
Kikimora: eine gestaltgewordene Seele, die ihrem Besitzer den baldigen Tod verkündet, ähnlich der Banshee
Kupala: slawischer Gott von Sonne und Licht
Laima: Schicksalsgöttin für Glück und Unglück, teilw. zu dritt als Laimos, ähnlich der Nornen
Lauma: Fee, Spinn- und Webgeist, Schutzpatronin der Armen und Waisen, tauschte Kinder gegen Wechselbälger aus
Leschi: bösartiger Waldgeist, ähnlich der Irrlichter
Lieschije: Waldgeister
Ludki: Hausgeister, Gespenster
Marina: legendäre Zauberin
Marja Morewna: legendäre Heldin
Patollo: Kriegsgott. Häufig wurde er als bleicher alter Mann mit grünem Bart und Turban dargestellt. Er brachte den Menschen Glück, nahm es ihnen aber umgehend wieder, wenn er Lust auf menschliches Blut bekam.
Perkunas: Gott des Donners
Picullus: Gott der Finsternis und der Hölle, ähnlich Satan
Puskaitis: Erlenkönig, Herr der Feen und Geister der Unterwelt
Ovinnik: jähzorniger Hauskobold
Ragana: legendäre Seherin und Zukunftsdeuterin, Orakel
Rusalka: Wassernymphe, entsteht bei dem Tod eines Kindes oder einer ertrunkenen, unglücklichen Frau
Sadko: legendärer Barde
Samodiven: Nymphen
Schafhirten: ein Spitzname für die Telyavs
Siela: magische Schwingungen, Rückstände von Todesenergie, vor allem in der Erde
Sielanische Thaumaturgie: Thaumaturgie, ähnlich der Koldunenhexerei, basierend auf Naturkräften und Geisteranrufungen
Slogùte: Alp, der nachts die Schlafenden heimsuchte und quälte
Sojenizen: Schicksalsgeister
Teljawelik (Telvelik): litauischer Schmiedegott, schmiedete Saule und setzte sie an den Himmel
Telyav: der selbstgewählte Name der telyavelischen Tremere
Telyavel: Gott und Beschützer der Toten (auch Kaleval)
Tschernebog: slawischer, Oberster der finsteren Götter
Vadatajs: Dämon, Gestaltwandler, versuchte Menschen im Wald in die Irre zu führen
Vaidilas: Totengeist. Entstand aus einem verstorbenen bösen Menschen, der als lebender Leichnam in seinem Grab hauste und nachts umherspukte. Traf er einen allein umherlaufenden Menschen, fiel er ihn an. Teilweise wurde er auch als Blutsauger beschrieben. Um einen Vaidilas zur Ruhe zu bringen, musste man ihn köpfen und sein Haupt zu seinen Füßen legen.
Vele: Totengeist, irrte als Nebel oder Schatten umher
Vila: Nymphe der Wege, Geist eines verstorbenen Mädchens, das von ihrem Verlobten verlassen wurde, konnte seine Opfer sich zu Tode tanzen lassen, ähnlich der Sirenen
Vilkatas: Werwolf (auch Vilkacis)
Vodjanoj: Wassergeist, der häufig in der Nähe von Mühlen zu finden ist
Wassilissa: legendäres Mädchen, ein bisschen wie Gretel, aus Hänsel und Gretel
Zilnieks: Wahrsager, Seher und Propheten, konnten u.a. Vogelschreie deuten
Zimlemis: Zeichendeuter, ähnlich der Zilnieks
Geschichte des Landes
Das Baltikum, das heute die Länder Estland, Lettland und Litauen umfasst, war früher als Livland und Kurland bekannt. Rund 60 % der Landesfläche sind bewaldet, am häufigsten kommen Kiefern, Fichten und Birken vor, aber auch Tanne, Weißerle und Aspe. Häufige Tierarten sind Braunbär, Biber, Waschbär, Wildschwein, Luchs, Elch, Wolf, Fuchs und Schneehase. Rund 20 % der Landesfläche werden von Sümpfen und Mooren eingenommen. Im nördlichen Teil treten neben den Waldlandschaften auch einige Gehölzwiesen auf. Ein dichtes Netz von Flüssen und Seen durchzieht das Land (etwa 1% der Fläche). Mit einer Fläche von über 3000 km2 ist der Peipussee (Peipsi järv) der größte der Seen. An der Ostsee ist das Land sehr flach, an keiner Stelle höher als 100m über dem Meeresspiegel. Starker Regen oder Schneeschmelze überfluten schnell große Flächen. Erst im Hinterland gibt es kleine Hügelketten mit bis zu 300m Höhe.
Vermutlich kamen die ersten Siedler vor 6000 Jahren in das Land. Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurden die in losen Stammesverbänden organisierten Balten von dem römischen Historiker Tacitus im 1. Jahrhundert nach Christus.
Um 1000 n.Chr. begann die Besiedelung des Gebietes durch baltische Volksstämme. Zu ihnen gehörten unter anderem die Lettgallen, Selonen, Semgallen, Kuren und Liven.
Seit 1030 versuchten russische Fürsten mehrfach Land in der Region zu erobern. Sie konnten sich aber nicht dauerhaft halten und wurden immer wieder vertrieben. Parallel dazu setzte im 11. Jahrhundert die Christianisierung ein, die mit einer Teilung in die Erzbistümer Bremen und Lund und der Kolonisation durch den Deutschen Schwertbrüderorden, einem Vorgänger des Deutschen Ordens, einherging.
An der Stelle, wo der Flusses Düna (Dugauva) in die Ostsee mündet, wird 1201 Riga gegründet. Der Bischof Albert von Livland errichtet die Bremer Faktorei, die 1245 zum Erzbistum erhoben wird. 1202 gründet der Bischof den Schwertbrüderorden. Dieser erleidet 1256 aber eine schwere Niederlage gegen die Litauer und muss sich mit dem Deutschen Orden verbinden. Ab 1282 ist Riga Mitglied der Hanse und durch den regen Handel kommt die Stadt zu großem Wohlstand. Von 1330 bis 1366 ist Riga im Besitz des Deutschen Ordens. Der umgebene Landstrich Livland wird noch bis ins 16. Jahrhunderts von dem Deutschen Orden kontrolliert.
Im Jahr 1219 eroberten Truppen des dänischen Königs Waldemar II. das nördliche Estland und errichteten eine Burganlage bei Tallinn (Reval). Ab 1285 wurde das Gebiet vom Deutschen Orden übernommen. Als 1402 der Orden seine größte Ausdehnung erreichte, bildeten Riga und Tallin die östlichsten Stützpunkte.
Um 1235 einte Fürst Mindaugas die bis dahin zahlreich entstandenen litauischen Fürstentümer. Das Fürstentum Litauen konnte sich erfolgreich gegen die Überfälle des Deutschen Ordens zur Wehr setzen. 1263 wird Großfürst Mindaugas ermordet, und Litauen zerfällt wieder in einzelne Fürstentümer.
1293 gelingt es Fürst Witens, das alte Litauerreich wiederherzustellen, das sein Bruder und Nachfolger, Großfürst Gedimin und dessen Söhne Olgerd und Kejstut dann bis 1362 zu einem Großreich ausdehnen, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reicht.
Großfürst Gedimin macht 1323 die im 13. Jahrhundert an der Neris gegründete Stadt Vilnius (Wilna) zur Hauptstadt des Litauischen Reiches. 1387 erhält die Stadt einen Bischofssitz.
Durch Heiratspolitik (der litauische Großfürst Jagello heiratete die polnische Thronerbin Hedwig) kam es 1386 zur Personalunion mit Polen. Jagello bestieg als König Wladislaw II. den polnischen Thron und begründete die Jagellonen-Dynastie. Das litauische Volk wurde von ihm christianisiert. 1410 fügte das vereinigte polnisch-litauische Heer den Truppen des Deutschen Ordens in der Schlacht bei Tannenberg eine vernichtende Niederlage zu. Nach weiteren Niederlagen musste der Ordensstaat im Zweiten Thorner Frieden (1466) große Teile seiner Gebiete an Polen-Litauen abgeben. Im Osten mussten litauische Gebiete an das Großfürstentum Moskau abgegeben werden, diese konnten später teilweise zurückerobert werden (Livländischer Krieg 1558-1583).

