Was ist ein Werwolf ?
„Diese Geschichte ist (nie wahr gewessen!) wahr.
Alles was wir sind und alles was wir waren nahm seinen Ursprung in Pangaea. Du weisst bereits, was (für alle die es nicht wissen ein stadt der irren und verblödeten!)Pangaea war.
Du hast Geschichten über den Garten Eden gehört- das Beste, was Menschen einfiel, in ihrem Versuch sich daran nicht zu erinnern. Du kannst manchmal in deinen Träumen einen flüchtigen Blick darauf werfen. Manchmal riechst du etwas- vielleicht den Duft einer gesunden Pflanze, oder irgendetwas am Geruch deiner Beute und fast ist es so, als würdest du dich erinnern. Die Gerüche sind am schwierigsten wieder zu vergessen und doch kannst du dich nicht gänzlich an sie erinnern. Niemand kann es.
Nur die ersten unserer Art, die in Pangaea wandelten. Und sie waren diejenigen, die es zerstören mussten.
Kannst du dich an diesen Geruch erinnern? Die Welt war so prächtig und verheissungsvoll. Geistern war es ein leichtes, die stoffliche Welt zu betreten und sowohl Tiere als auch Menschen vermochten es, in die kühlen Schatten der Welt zu schreiten. Pangaea war nicht der Urkontinent, als den ihn die Geologen verstehen, sondern die Welt in ihrer ursprünglichen Gestalt. Die Menschen und die Geister verband eine gemeinsame Sprache, die Erste Sprache. Wir können uns nicht erinnern, ob Pangaea eine Zeit, ein Ort, oder gar beides war. Alles was wir wissen ist, dass es unglaublich herrlich und prachtvoll war… und jetzt für immer verloren ist.
Als Pangaea in seiner Blütezeit war verführte seine Schönheit das Herz der Mondin selbst. Die Mondin, Amahan Iduth, wurde verzaubert von der Welt, die unter ihr blühte und spross. So nahm sie die Gestalt einer Menschenfrau an und stieg hinab auf die Erde. Sie streifte durch den Dschungel und schwamm in den Weltmeeren. Sie war das schönste Wesen auf der ganzen Welt und hatte unzählige Freier. Der größte und tapferste von ihnen aber war Vater Wolf.
Pangaea war herrlich doch es war keine Welt des Friedens und der Sanftmut. Es war die Welt des Jägers. Der Löwe jagte das Lamm, die Geister nahmen sich aus der stofflichen Welt, was immer sie brauchten. Tod war ein natürlicher Bestandteil des Jägers Paradieses und der größte Jäger von allen war Vater Wolf. Er war ein Krieger aus dem Schattenreich und der Fürst der Grenzlande.
Er streifte entlang der Grenzen der stofflichen Welt und sorgte für die Ordnung. Zwar wandelten Geister in der stofflichen Welt, doch stets nur so lange, wie Vater Wolf ihnen gestattete. Er war nur allzu bereit sie zu verjagen wenn sie die Gastfreundschaft überstrapazierten. Wenn nötig setzte er auch seine Fänge und Klauen ein, um die Menschen und Tiere zurück in die relative Sicherheit der stofflichen Welt zu befördern, wenn sie sich zu weit in die Tiefen der Geisterwelt vorwagten.
Sein Herz brannte mit übernatürlicher Stärke und Überzeugung, der Zorn des Rechtschaffenden machte Vater Wolf unbesiegbar. Und er war der Herr dieses Zorns. Er stand über uns allen und war mächtiger als jeder andere.
Vater Wolf liebte die Mondmutter als sie über den Himmel zog und er ward überwältigt von Freude und Liebe als er sie in den Grenzlanden zwischen stofflicher und geistiger Welt fand. Doch war er nicht der einzige, dem es so widerfuhr, denn auch Luna sah Vater Wolf als tapfer und weise, stark und stattlich an und erwiderte seine Liebe. Sie fanden einander und Luna schenkte ihm Kinder des Körpers und des Geistes – die ersten Werwölfe.
Obgleich sie in Gestalt eines Menschen war, gebar die Mondmutter einen Wurf von neun Welpen, ein Zeichen ihres zukünftigen Schicksals. Von der Mondmutter erhielten unsere Ahnen die Gabe des Gestaltenwandels, so wie auch die Mondin jeden Monat ihre Gestalt verändert. Von Vater Wolf erhielten sie scharfe Sinne, Stärke und Schnelligkeit, die selbst die von fleischgeborenen Wölfen übertrafen. Von beiden Eltern erhielten sie spirituelle Kraft, denn die Mondmutter war die Königin des Schattenreiches und Vater Wolf der Fürst der Grenzlande. Nachdem sie ihre Kinder gebar, kehrte Luna zurück in den Himmel und Vater Wolf nahm sich des Ersten Rudels an. Er lehrte sie die Wege von Wölfen und Menschen, von Körper und Geist. Er zeigte ihnen die Wege aus dem Schattenreich durch Wald, Berg und Wüste in die Welt des Fleisches, hinunter zu Pfaden, die zu menschlichen Stammesstätten führten.
Vater Wolf lehrte das Erste Rudel, ihm bei der Erfüllung seiner Pflichten als Wächter der Grenzlande zu helfen. Sie nahmen sich dieser Pflichten an und halfen, Ordnung in die Welt der Geister und die Welt des Schlammes zu bringen. Sie waren die Hirten von Menschen, Tieren und Geistern. Sie töteten jede Herde, jeden Stamm und jedes Rudel, das zu gross oder zu gefährlich wurde und bewahrten so das Gleichgewicht aller Dinge…“
„Natürlich waren einige Geister und Menschen nicht damit einverstanden, dass Vater Wolf und das Erste Rudel sie zu kontrollieren suchten. Einige schlugen zurück und ihre schiere Überzahl, Magie und Stärke liessen sie nur schwerlich sterben. Vater Wolf und sein Rudel vertrieben die Schlimmsten in die entlegensten Gegenden der Geisterwelt, so auch mächtige Geister, ihre niederen Diener und Menschen, die finstere Mächte anbeteten und dunkle Verbrechen begingen. Andere, wie der Seuchenkönig oder Grossmutter Weberin, widersetzten sich Vater Wolf wann immer sie es konnten, und flohen, wann immer sie erkannten, dass sie es nicht mit seinem ganzen Rudel aufnehmen konnten.
Wir waren die Herren der Welt der Morgendämmerung. Unsere grosse Stärke und unsere Fähigkeit, vielerlei Gestalten anzunehmen, erlaubte es uns, jedwede Kreatur und jeden Menschen zu beherrschen. Nur wenige Raubtiere wagten es, uns herauszufordern. Keine Beute konnte sich unserer erwehren. Selbst die stärksten Mammuts und die wildesten Raubtiere dieser Zeit waren einem Rudel von Werwölfen nicht gewachsen. Es war eine dunkle Zeit für ein Leben als Mensch, aber es war das Zeitalter unserer Glorie, ein goldenes Zeitalter gezeichnet mit dem hellen Blute unserer Beute.
Doch wie jedes goldene Zeitalter war auch dieses dem Untergang geweiht.
Es begann mit Vater Wolf. Vor unserer Zeit, bevor die Menschen sich erhoben und fast alle Geister noch jung und schwach waren, war nur Vater Wolf nötig, um die zwei Welten zu bewachen. Kein Geist konnte zu lange in der stofflichen Welt weilen oder zuviel Macht erlangen. Als Vater Wolf zusammen mit der Mondmutter und anderen Geistern seine Nachkömmlinge zeugte, verlor er an Kraft, doch war auch er immer noch stark und schnell – für einige Zeit.
Es brauchte viele, viele Jahre, mehr als man zählen könnte, doch langsam begann Vater Wolf, an Kraft und Schnelligkeit zu verlieren. Seine Fänge wurden stumpf, und seine Weisheit reichte nicht mehr so weit wie sie es einst tat. Immer mehr Geister entkamen seiner Aufmerksamkeit, errichteten schreckliche Königreiche unter den Menschen und schwollen an ob ihrer Macht. Als er einige dieser vermeintlichen Götter des Leidens und der Unersättlichkeit fing, brauchte er länger, um sich ihrer zu entledigen. Einige entkamen sogar, geschwächt durch die Kämpfe, aber dennoch frei. Langsam wurde Pangaea ein Paradies für die Geister und die Menschen, die ihre Herrschaft akzeptierten, doch es war ein Fegefeuer für alle anderen. Unsere Vorväter und Vormütter sahen dies und Zweifel begann, sich in ihnen zu regen.
„Was geschieht, wenn ein Wolfsrudel bei der Jagd versagt, weil der Alpha des Rudels zu schwach, zu langsam und zu blind ist, um es anzuführen? Entweder stirbt das Rudel oder der Alpha wird ersetzt. Die Frage war für unsere Vorväter die gleiche, doch stand die gesamte Welt auf dem Spiel. Was als nächstes geschah, hätte nicht nötig sein müssen, doch das war es.
Jeder Geist unterliegt einem Verbot –einem umumstösslichen Gesetz, das ihre ganze Natur bestimmt. Einem Geist der Schmerzen ist es verboten, ein Lebewesen zu heilen; einem Haigeist, stillzustehen. Vater Wolf war einer der mächtigsten Geister in der gesamten Schöpfung, doch selbst er unterlag einem Verbot. Er fühlte eine solch starke Verbindung zu seinen Pflichten, dass er nicht seine Augen schliessen konnte, solange niemand seinen Platz einnehmen konnte. So war es ihm also verboten, sich zu verteidigen, wenn diejenigen, die seinen Platz einnehmen konnten, sich gegen ihn erhoben.
Natürlich waren diejenigen, die am besten für den Platz von Vater Wolf geeignet waren, seine eigenen Kinder.
Nun, Geschichten aus jener Zeit besagen, dass Vater Wolf seine Klauen und Fänge in Kämpfen mit seinen Kindern um die Vorherrschaft im Rudel einsetzen konnte, doch wenn sein Rudel wahrlich wünschte, ihm den Todesstoss zu geben, so liess ihn seine Natur machtlos.
Es war ihm nicht möglich, sich gegen solch einen Verrat zu verteidigen, sein dickes Fell und seine kraftvollen Muskeln waren ihm nicht viel hilfreicher als Wind und Regen. Und so war der einzige Weg, ihn zu stürzen, zuzuschlagen… um ihn umzubringen.
Und so erschlugen wir ihn.
Mit seinem letzten Atemzug liess Vater Wolf ein Heulen erschallen, dass die Welten erzittern liess. Menschen brachen schluchzend zusammen, als der Klang nichts als Angst in ihren Herzen zurückliess. Geister versteckten sich in ihren Lagern, erfüllt mit Schrecken, ob der Erkenntnis, dass etwas den mächtigen gnadenlosen Wolfsgeist getötet haben musste. Man sagt, dass der Werwolf, der den Todesstoss vollführte, ob der schieren Macht und dem emotionalen Gewicht des Heulens auf der Stelle selbst sein Leben liess. Als sie das Sterbensgeheul ihres begünstigten Liebhabers vernahm, schrie Luna auf ob der Pein und des Verrats und verfluchte alle Kinder, die sie jemals geboren hatte.
Dieser Fluch sollte niemals ganz aufgehoben werden.
Man sagt, dass in diesem Moment der Planet selbst sich regte. Als sich die Bewohner des Schattenreiches und die sterblichen Kreaturen der stofflichen Welt wanden ob des Schreckens, wurden die zwei Welten zerrissen. Die Erde bebte und Stürme peitschten das Land. Eis brach frei im Norden und Inseln versanken im Meer. Pangaea war nicht mehr. Nach dem Fall war das Paradies der Jäger für immer verloren.
Das ist, warum wir sind und was wir sind. Darum sind wir Wolf und Mensch. Darum sind wir die von den Geistern verlassenen Kinder des Schattenreiches. Die Geister fürchteten und hassten uns seit diesem Tag. Sie fürchten und hassen den Gedanken, dass Kreaturen halb Fleisch, halb Geist nunmehr die Macht besassen, sie im Zaum zu halten und dass wir einst die Kraft besaßen, den einen Geist zu vernichten, den sie alle fürchteten. Die Menschen würden wahnsinnig werden, wenn sie wüssten, dass wir nicht bloss Kreaturen Hollywood sind, sondern reale Wesen, die unter ihnen wandeln.
Wir vernichteten das großartigste, was wir je besassen, weil es getan werden musste. Wir halten die Geisterwelt unter Kontrolle- dafür hassen die Geister uns. Andererseits geben wir unser Bestes um die Menschen davon abzuhalten, die Geisterwelt zu verstümmeln. Wenn sie davon wüssten, würden sie uns dafür verachten. Unsere eigenen Brüder haben sich gegen uns gewandt, weil wir das taten, wofür sie nicht den Mut und die Mitgefühl aufbrachten. Nur unsere schillernde Mutter Luna und unsere Wolftotems stehen uns noch bei, doch das ist genug. Wir sind das Volk. Wir sind die Wölfe, die in beiden Welten jagen.
Wir sind die Verlassenen und der Himmel helfe denen, die unseren Zorn entfesseln.“
Eine Einführung in Werewolf: The Forsaken
Quelle: White Wolf
übersetzt von Kyp Kildare und Grimfrost

